12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Bildung konkret

Interview mit Vera Szackamer, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, über das Projekt „Jüdische Bildung“, gemeinsame Unterrichtsmaterialien und neue Lehrpläne

Vera Szackamer ist Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Im Präsidium des Zentralrats ist sie für den Bereich Bildung zuständig und wirkt in der Kultuskommission mit. Vera Szackamer ist darüber hinaus Mitglied der Integrations- und Rentenkommission. Die Diplom-Sozialpädagogin ist für ihr soziales Engagement bekannt. Besondere Bedeutung misst sie aber auch der Jugendarbeit zu. Die „Zukunft“ sprach mit Vera Szackamer über aktuelle Vorhaben der vom Zentralrat mit hoher Priorität behandelten jüdischen Bildungsarbeit.

Zukunft: Frau Szackamer, mit jüdischer Bildung ist es ein bisschen wie mit dem Wetter: Alle reden darüber.

Vera Szackamer: Mit dem Unterschied, um den Spruch fortzusetzen, dass niemand etwas tut, um das Wetter zu ändern, die jüdische Bildungsarbeit dagegen große Erfolge vorweisen kann. Und wenn der Zentralrat vom Bildungswesen spricht, dann geht es um keine Wettervorhersage, sondern um konkrete Pläne. Pläne, die in den letzten Monaten inhaltlich gereift sind und jetzt Gestalt annehmen. Dank des neuen Staatsvertrags stehen dafür auch die Mittel zur Verfügung.

Welche Pläne sind es konkret?

Gegenwärtig stehen mehrere große Vorhaben im Mittelpunkt unserer Planung: Die Institutionalisierung eines jüdischen Bildungswerkes nach dem seit vielen Jahren bekannten Vorbild der Bildungsakademien der christlichen Kirchen und politischen Stiftungen, aber auch der Gewerkschaften. Die Ausarbeitung von Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien für jüdische Schulen und für den Religionsunterricht in den Gemeinden ist ein weiterer Schwerpunkt. Sie läuft schon seit Monaten. Mit der Formulierung sind sachverständige Männer und Frauen aus den Gemeinden und Landesverbänden sowie von der Hochschule für jüdische Studien befasst. Auch arbeiten wir mit verschiedenen Autoren an einem Lehrbuch zur jüdischen Ethik. Das geschieht in Kooperation mit den deutschsprachigen Gemeinden in der Schweiz und in Österreich. Das Buch wird Ende des Jahres fertig sein. Schließlich steht die Vernetzung der jüdischen Bildungsarbeit in Deutschland mit dem internationalen Netzwerk auf dem Plan.

Und das alles soll gleichzeitig gelingen.

Es wird gelingen. Erstens, weil wir das Multitasking beherrschen. Zweitens, weil wir keine Zeit zu verlieren haben. Das spornt an. Außerdem sind wir auf dem Gebiet „Bildung“ ja nicht neu. So etwa setzen wir in diesem Sommer mit weiteren Seminarangeboten unsere erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre fort und bauen sie weiter aus. Dazu gehören Seminare in den Bereichen Gemeindemanagement, Rhetorik, Wahlen und Satzungen, Sicherheitsfragen, Bekämpfung von Antisemitismus, Kulturmanagement, Ehrenamt, Sponsoring, Umgang mit neuen Medien und politische Bildung.

Hinzu kommt das „Jewish Life Leaders Programm“, das wir ab Herbst 2012 in Kooperation mit der Lauder Foundation – aber nun unter der Federführung des Zentralrats – dauerhaft durchführen werden. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem europäisch-jüdischen Bildungsprogramm „Paideia“ in Stockholm, die von unserer Seite die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg übernimmt, soll noch enger gestaltet werden. In dieses Netzwerk gehören die Zusammenarbeit mit der Lauder-Business-School in Wien, aber auch das „Taglit“-Programm, das wir nicht nur federführend durch den Zentralrat finanzieren. Vielmehr errichten wir auch ein Alumni-Netzwerk, um die jungen Leute nachhaltig an uns und an Israel zu binden. Hierzu wird es ein erstes Alumni-Treffen im Dezember 2012, organisiert vom Zen­tralrat, in Düsseldorf geben.

Als weiteren Pfeiler der Bildungsarbeit werden wir in diesem Jahr nicht nur das E-Learning-Netzwerk des Zentralrats mit entsprechenden technischen Einrichtungen in den Gemeinden weiter ausbauen, sondern auch inhaltlich mit Leben erfüllen. Hierzu sind Kooperationen mit Partnern in Israel und den USA geplant. Schließlich ist für dieses Jahr in Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen Partnern auch die Realisierung des Konzepts der Hillel-Häuser in Deutschland geplant. Entsprechende Gespräche führt der Generalsekretär gerade in Israel. Der Zentralrat wird dabei darauf achten, dass die Häuser offen für alle Denominationen sind, ganz in der Tradition, in der die Idee in Nordamerika entstanden ist und bis heute praktiziert wird.

Für die jüngeren Kinder werden wir im Jahr 2013 in Zusammenarbeit mit amerikanischen Partnern das „Summer Camp Am Echad“ anbieten, um die transatlantischen Beziehungen und den Austausch noch weiter zu stärken. Schließlich werden wir das erfolgreiche Projekt der „PJ-Library“ aus den USA nach Deutschland holen, wo bereits bei den Kleinsten mit jüdischen Kinderbüchern Fundamente gelegt werden. Hierzu gibt es schon konkrete Absichtserklärungen und Planungen. Personell werden wir die Bildungsarbeit im Zentralrat neu aufstellen. Zukünftig wird Professor Doron Kiesel die Koordination und pädagogische Konzeption in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär und mit mir übernehmen. Schließlich werden wir unsere Bildungsinitiativen in einem jüdischen Bildungswerk institutionell zusammenfassen. Hierbei handelt es sich nicht um eine universitäre Einrichtung, dafür haben wir die Hochschule in Heidelberg, sondern um eine Stätte des freien Lernens, des geistigen Austausches und der Erwachsenenbildung.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wird das Bildungswerk setzen?

Die Inhalte werden sich an den Interessen und Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ausrichten. Ein wichtiger Schwerpunkt wird sicherlich die pädagogische Fortbildung von Lehrkräften sein, auch um den zahlreichen Besonderheiten jüdischer Bildungsarbeit in Deutschland Rechnung zu tragen.

Das Bildungswerk soll aber nicht nur pädagogische Methoden, sondern auch jüdisches Wissen vermitteln. Als erste Zielgruppe würde ich jüdische Multiplikatoren ansprechen: Gemeindevorstände, Mitglieder der Gemeinderäte, Mitarbeiter von Gemeinden und anderen jüdischen Einrichtungen, Intellektuelle und Journalisten. Wenn sich das Bildungswerk besser etabliert hat, würde ich die Einbeziehung weiterer jüdischer wie nichtjüdischer Zielgruppen befürworten. In jedem Fall muss und wird das Bildungswerk die Gemeinden und andere jüdische Einrichtungen in die Planung intensiv einbeziehen. Wir denken sogar über regionale Außenstellen in den Landesverbänden nach.

Natürlich hat der Zentralrat auch jetzt schon umfangreiche Erfahrungen auf diesem Gebiet und bietet seit mehreren Jahren erfolgreiche Seminare in den genannten Bereichen an. Auf diese Erfahrungen werden wir zurückgreifen, damit das Bildungswerk ein viel umfassenderes Angebot von Maßnahmen bieten und die Förderung der Bildungsarbeit auf eine noch festere Grundlage stellen kann.

Inwieweit visieren Sie politische Bildung an?

Es wäre aus meiner Sicht wesentlich, unseren Gemeindemitgliedern Informationen zukommen zu lassen, die ihnen bei der Abwehr des Antisemitismus und der Delegitimation Israels helfen können. Ich meine keine tagesaktuelle Polemik, sondern Hintergrundwissen. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn das Judentum wegen der Schchita als barbarisch diffamiert wird, sollten wir praktisch einsetzbare Argumentationshilfen anbieten können. Oder wenn jemand behauptet, Juden hätten in Israel einen Staat gegründet, ohne die historischen palästinensischen „Besitzer“ des Landes zu fragen, dann müssen wir die historische Wahrheit überzeugend darlegen können: Die eigentlichen „Ureinwohner“ des Landes Israel sind Juden, deren Präsenz in Kanaan seit dreitausend Jahren ununterbrochen nachgewiesen ist. Die Beispiele ließen sich mehren. Auch die Wissensvermittlung über das politische Leben und die demokratischen Strukturen in Deutschland sind eine wichtige Aufgabe für uns. Schließlich leben wir als Juden in diesem Land und wollen unsere Rechte und Pflichten als Bürger wahrnehmen. Ich glaube, dass die Gemeinden und ihre Mitglieder für solche Materialien – auf Deutsch und Russisch – dankbar wären.

Und nun zu den Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien, die der Zentralrat ausarbeiten will: Ist das nicht die Sache der Schulen und der Gemeinden?

Natürlich sind die Schulen und Gemeinden autonom, ebenso wie auch die Gemeinden und Landesverbände. Aber ich glaube, dass der Zentralrat in diesem Fall als Dienstleister für die gesamte jüdische Gemeinschaft fungiert. Viele, vor allem kleinere Gemeinden haben in dieser Beziehung einen Nachholbedarf. Andere, zumal größere Gemeinden haben in der Tat eigenes Material, beispielsweise das israelische Unterrichtsprogramm „Jeled“, das ins Deutsche übersetzt wurde. Auch das ist übrigens ein Programm, das der Zentralrat gefördert hat. Allerdings können neue Materialien für diese Gemeinden ebenfalls von Interesse sein. In diesem Fall wäre es effizienter, diese zentral zu erstellen.

Können alle Gemeinden im Religionsunterricht dasselbe Material nutzen, beispielsweise orthodoxe und liberale, aber auch etablierte und relativ junge?

Der Zentralrat vertritt alle Denominationen. Es gibt einen sehr großen gemeinsamen Fundus an jüdischem Wissen, der für alle Strömungen wichtig ist und gleichermaßen gilt. Wir wollen Angebote machen, denen niemand widerstehen kann.

Welcher Zeithorizont schwebt dem Zentralrat dabei vor?

Wie gesagt: Wir haben bereits einiges in der Planung. Auch die Gemeinden und Landesverbände haben bereits eine Grundlage, auf der wir aufbauen können. Außerdem müssen wir das Rad nicht immer neu erfinden. Es gibt ausreichend gutes Material in den USA, in Israel, aber auch in anderen jüdischen Gemeinden in Europa. Wir werden hier die Kooperation suchen, aber auch selbst neue Ideen umsetzen.

Und noch etwas: Ich freue mich, meine eigene Erfahrung als Sozialpädagogin und als jemand, der sich seit Langem im jüdischen Leben engagiert, in die großen Projekte, an denen wir arbeiten, einbringen zu können. Wir sind aber auch sonst als Zentralrats-Team gut aufgestellt. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir Erfolg haben werden.

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