12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Auf der Tagesordnung

In seiner Ansprache beim Gemeindetag ging Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann auf aktuelle Fragen ein, denen sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland gegenübersieht

Zu Beginn seiner Ausführungen erörterte Dr. Graumann die kontinuierliche Entwicklung des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. „Wir bauen“, so der Zentralratspräsident, „eine ganz neue jüdische Gemeinschaft. Wir stellen sie anders als bisher auf, frischer, moderner und viel positiver.“ Auch der Zentralrat selbst werde neu aufgebaut. Dies sei eine Investition in die Zukunft. Der Zentralratspräsident würdigte das ehrenamtliche Engagement zahlreicher Gemeindemitglieder, die in den Gemeinden wie in einer Reihe jüdischer Organisationen aktiv seien. Es sei gut, dass die jüdische Tradition freiwilliger Arbeit für das Gemeinwohl weiter gepflegt werde.
Parallel zur jüdischen Aufbauarbeit und zur Betonung positiver Aspekte des Judentums, so Dr. Graumann ferner, müsse sich der Zentralrat aber auch um politische Probleme kümmern, die der jüdischen Gemeinschaft in den Weg gelegt würden. Als eklatantes Beispiel nannte er das sogenannte Gedicht von Günter Grass, in dem der Schriftsteller das iranische Atomwaffenprogramm verharmlost und Israel als eine Gefahr für den Weltfrieden diffamiert hat. Auch sonst sei in Deutschland nicht selten eine Stimmung zu beobachten, „ohne Israel ginge es uns besser“. Dagegen werde der Zentralrat, für den Israel auf immer Herzenssache bleibe, auch künftig Stellung beziehen.
Dr. Graumann erneuerte die Forderung nach einem NPD-Verbot. Kritisch ging er ferner auf die Entwicklungen in der Piratenpartei ein. Die Partei dulde Geschichtsrevisionismus, Holocaust-Leugnung und Antisemitismus. Sie müsse, forderte der Zentralratspräsident, „ihren moralischen Kompass neu justieren“.
Mit Nachdruck protestierte Dr. Graumann gegen das Verhalten des Deutschen Fußballbundes (DFB) im Zusammenhang mit dem Besuch deutscher Nationalspieler in Auschwitz. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die englische Mannschaft das ehemalige Vernichtungslager besuche, der DFB aber lediglich zur Entsendung von drei Spielern bereit sei. „Mit einem Besuch der Gesamtmannschaft hätte der DFB Hunderttausende vor allem junger Menschen erreichen können“, unterstrich Dr. Graumann. Diese Chance sei jedoch vertan worden. Die Unterstellung des Managers der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, der Zentralrat habe mit dem DFB über den Auschwitz-Besuch nicht gesprochen, wies Dr. Graumann entschieden zurück. Auf ein anderes Thema aus dem Sportbereich eingehend, bezeichnete er die Weigerung, bei der Olympiade in London eine Gedenkminute für die israelischen Opfer des Münchener Olympia-Massakers von 1972 einzulegen, als kalt, schroff und unmenschlich. „Kein Mensch mit einem Herzen im Leib“, betonte Dr. Graumann, „kann das nachvollziehen.“
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