12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Gemeinsamkeit

Der Gemeindetag in Hamburg bot ein beeindruckendes Programm und viel Raum für Begegnungen

Vom 1. bis 3. Juni fand in Hamburg der vom Zentralrat der Juden in Deutschland veranstaltete Gemeindetag 2012 statt. Auf die 240 Teilnehmer wartete ein ebenso reichhaltiges wie informatives Programm. Den eindrucksvollen Auftakt bildete der Gottesdienst in der Synagoge Hohe Weide. Die Teilnehmer wurden vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hamburg, Bernhard Effertz, und von Landesrabbiner Shlomo Bistritzky begrüßt. Eine liturgische Bereicherung erfuhr der Gottesdienst durch die jüdische Gesangsgruppe „Six13“ aus New York. Im späteren Verlauf des Gemeindetages beeindruckten die sechs A-cappella-Sänger auch mit weltlichen Liedern auf Englisch, Hebräisch und Jiddisch. Im Anschluss an den Gottesdienst ging es zum Veranstaltungszentrum Curiohaus, wo die Teilnehmer vom Präsidenten des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, begrüßt wurden. Der am Gemeindetag teilnehmende Präsident des Russisch-Jüdischen Kongresses, Juri Kanner, richtete an die Gäste ein Grußwort (siehe auch Gespräch mit Juri Kanner, S. 7).
Am Samstag wurde das Programm – wegen der Schabbat-Ruhe ohne Technik, aber mit ungebrochenem Elan – fortgesetzt. Nach den Gottesdiensten führte Rabbiner Avichai Apel einen Schiur zum Thema Giur (Übertritt zum Judentum) durch. Kein offizieller Teil des Programms und doch besonders wichtig war die Teilnahme zahlreicher Gäste des Gemeindetages, unter ihnen auch Zentralratspräsident Dr. Graumann, an einer Anti-Nazi-Kundgebung, zu der sich am Samstagvormittag rund 10.000 Menschen am Hamburger Rathausmarkt einfanden – darunter die Mitglieder des Hamburger Senats und prominente jüdische Stadtbewohner wie Ralph Giordano und Esther Bejarano. Die Kundgebung richtete sich gegen den am selben Tag versuchten Aufmarsch von Neonazis in der Hansestadt. In einer spontanen Ansprache würdigte Dr. Graumann das Engagement der Hamburger Bürger gegen Neonazis und Rechtsextremismus. Nach Kiddusch und Mittagessen wurde in Workshops über die Bedrohung Israels durch den Iran, die Erfahrungen junger jüdischer Künstler in Deutschland, moderne Gemeindeführung und jüdische Identität diskutiert. Anschließend informierte Juri Kanner über die Arbeit des Russisch-Jüdischen Kongresses. Am Abend erlebten die Gäste, was es heißt, den Schabbat im Juni im Norden Deutschlands zu feiern. Der Abend kam, doch war der Schabbat noch lange nicht vorbei. Erst um 23 Uhr war es so weit: Mit einer Hawdala-Feier wurde die alte Woche verabschiedet und die neue eingeläutet. Das Abendessen war um Mitternacht noch nicht vorbei, doch hatte es niemand eilig: Auf der Bühne begann der Gala-Abend mit der bekannten Sängerin Sharon Brauner und Band. Gleichzeitig signierte Autor Dr. Thomas Zweifel das von ihm mitverfasste Buch „Der Rabbi und der CEO – Was Führungskräfte von den Zehn Geboten lernen können“.
Am Sonntagmorgen erhielten die Teilnehmer einen faszinierenden Einblick in die Schattenwelt der Geheim­diplomatie. Der israelische Friedensaktivist Dr. Gershon Baskin berichtete über die von ihm fünf Jahre lang geführten, inoffiziellen Kontakte mit der Hamas über den Freikauf des 2006 nach Gaza entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit. Dieser Kommunikationsweg wurde als „Back Channel“, „Hinterkanal“, bekannt. Dr. Baskins Fazit war so ernüchternd, wie seine Ausführungen spannend waren: Erst als Gilad Schalit nach langer Haft in tiefe Depression verfiel und keine Nahrung mehr zu sich nahm, verzichtete die Hamas auf die Freilassung einer Anzahl allerübelster Mörder, die auf ihrer Forderungsliste standen. Die Rechnung war kalt und einfach: Da ein toter Gilad keinen „Marktwert“ mehr gehabt hätte, sah sich die Hamas-Führung zu einem Kompromiss gezwungen – einem Kompromiss freilich, in dessen Rahmen Israel im vergangenen Jahr noch immer der Freilassung von rund eintausend Terroristen zustimmte. Im Namen des Zentralrats dankte Vizepräsident Dr. Josef Schuster, der die Veranstaltung moderierte, dem Referenten für seinen Bericht.
Ebenfalls am Sonntag hielt Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister, eine Rede vor den Teilnehmern des Gemeindetages. Das Stadtoberhaupt wünschte den jüdischen Gemeinden in Deutschland einen „unspektakulär selbstverständlichen Alltag“ – eine Normalität, die, wie er selbst hinzufügte, noch nicht gegeben sei, „solange die Synagogen hierzulande Polizeischutz und Videokameras brauchen“. Gleichwohl, so Scholz, solle man sich über die Selbstverständlichkeit freuen, mit der sich das jüdische Leben in all seinen Facetten als Teil der Gesellschaft darstelle. Gleichzeitig erteilte der Bürgermeister eine klare Absage an Extremismus und Intoleranz. Hamburg sei für alle seine Bürgerinnen und Bürger da. „Heute“, so Scholz, „sind wir auf das jüdische Gemeindezentrum ebenso stolz wie auf die jüdische Schule, die jüdische Kindertagesstätte und die koscheren Restaurants am Grindel und anderswo.“
Nach einer politischen Tour d’Horizon von Dr. Graumann (s. diese Seite) konnten die Gäste des Gemeindetages an Führungen über den Jüdischen Friedhof Altona oder in der Hamburger Innenstadt beziehungsweise an einer Schiffsrundfahrt teilnehmen. Viele zogen es aber vor, die bis zur Abreise verbleibende Zeit im Gespräch mit anderen Teilnehmern zu verbringen. Wie schon während des ganzen Gemeindetages zeigte sich auch dabei, wie wichtig solche Veranstaltungen für den inneren Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft sind. In gewissem Sinne konnten die Besucher aus Amt und Würden als Gemeindevorstände oder Mitglieder des Gemeinderats, Mitglieder des Zentralrats und Angehörige anderer Gremien schlüpfen, sich mit alten Freunden austauschen und neue Freundschaften schließen. „Es hat mich jemand gebeten“, berichtete einer der Teilnehmer nach der Rückkehr in seine Heimatgemeinde, „meine Eindrücke mit einem Wort zu beschreiben, und es fiel mir spontan ein: Gemeinsamkeit.“ Das ist ein Satz, mit dem er allen Teilnehmern aus der Seele sprach.
wst