12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Stärke sichern

Die Gemeinden sind der Grundbaustein jüdischen Lebens in Deutschland. Wir müssen sicherstellen, dass sie es auch künftig bleiben.

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 6
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 5
Von Dieter Graumann

Anfang Juni fand in Hamburg der vom Zentralrat der Juden in Deutschland veranstaltete Gemeindetag 2012 statt. Drei Tage lang berieten 240 Vertreter jüdischer Gemeinden aus der ganzen Bundesrepublik über die Erfolge, aber auch über die Herausforderungen und Probleme, denen sich die Gemeinden und die jüdische Gemeinschaft als Ganzes gegenübersehen. Es wurde mit Leidenschaft und Logik, mit Verve und mit Verstand, vor allem aber mit viel Engagement debattiert, überlegt und gestritten. Referenten und Moderatoren haben für Information und Einsichten zur Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland ebenso wie zu wichtigen Entwicklungen in der großen weiten Welt gesorgt (s. Bericht S. 2).
Nicht minder wichtig, ja sogar am wichtigsten überhaupt, war aber die Gelegenheit zum Austausch unter den Teilnehmern, zu zahlreichen Gesprächen, oft bis spät in die Nacht hinein. Die rege Kommunikation zeigte deutlich, wie wichtig, ja unerlässlich solche Zusammenkünfte für den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft sind. Deshalb werden die Gemeindetage künftig nicht nur sporadisch, wie es bisher der Fall war – der letzte Gemeindetag liegt bereits acht Jahre zurück –, sondern viel häufiger stattfinden. Sie sollen die Ratstagungen, die eher der formalen Diskussion und der Beschlussfassung dienen, vervollständigen und den Gemeinden und unseren Mitgliedern eine Bühne und die Gelegenheit für Dialog und Kooperation bieten.
Das geschieht mit dem Ziel, die Rolle der Gemeinden als Grundbausteine jüdischen Lebens in Deutschland dauerhaft zu sichern. Dass die jüdische Gemeinschaft als Ganzes auf den Erfolg und die Stabilität der einzelnen Gemeinden angewiesen ist, hat sich in der Vergangenheit oft gezeigt. Seit ihrer Neugründung nach der Schoa haben unsere Gemeinden Großartiges geleistet und dabei eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit bewiesen. In den ersten Jahren gewährleisteten sie die grundlegenden religiösen Bedürfnisse der Holocaust-Überlebenden, die sich freiwillig oder in Ermangelung von Alternativen zum Verbleib in Deutschland entschlossen hatten. Die oft unter schweren Bedingungen improvisierenden Gemeinden gaben dem Leben ihrer von der Schoa gezeichneten Mitglieder eine Richtung und boten ihnen eine geistige und emotionale Heimat.
Eine nicht minder historische Leistung erbrachten die Gemeinden bei der Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nach der deutschen Wiedervereinigung. Sie haben unseren neuen Mitgliedern nicht nur die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft ermöglicht, sondern ihnen auch bei der Integration in die deutsche Gesellschaft geholfen. Dass der Prozess nicht immer ganz ohne Spannungen abgelaufen ist, ist selbstverständlich; viele andere Institutionen des öffentlichen Lebens in Deutschland und anderswo wären an einer solchen Herausforderung zerbrochen. Dagegen gingen unsere Gemeinden aus der bestandenen Prüfung quantitativ wie qualitativ gestärkt hervor. Darauf dürfen sie, und wir gemeinsam, stolz sein.
Allerdings bleibt die Zeit nicht stehen. Um die heute und in den kommenden Jahren anfallenden Herausforderungen besser bewältigen zu können, brauchen die Gemeinden mehr Vernetzung und Zusammenarbeit als je zuvor. Sie passen sich auch durchaus an neue Zeiten an, wie etwa das neue Programm zum vernetzten E-Learning zeigt. Allerdings braucht der Dialog nicht nur mehr Informations- und Kommunikationstechnologie, sondern auch mehr direkte Interaktion.
Eine unserer größten Herausforderungen ist es, den wachsenden Pluralismus jüdischen Lebens unter dem gemeinsamen Dach der Einheitsgemeinde zu garantieren. Zu diesem Zweck ist das Bewusstsein dafür nötig, dass unsere Gemeinsamkeiten alles, was uns trennt, bei Weitem überwiegen. Natürlich können wir von orthodoxen Rabbinern ebenso wenig verlangen, dass sie ihre Auslegung der Halacha aufgeben, wie wir von der liberalen Strömung den Ausschluss von Rabbinerinnen erwarten können – um zwei ganz bewusst extreme Beispiele zu geben. Wir alle müssen jedoch lernen, den Anderen gerade auch in seinem Anders-Jüdischsein zu akzeptieren und zu respektieren. Wohl wahr: Vor allem bei kleineren Gemeinden, deren Mittel nicht für den Aufbau von Parallelstrukturen für orthodoxe und liberale Gruppen ausreichen, ist das Zusammenleben nicht immer einfach. Hier brauchen wir Einfallsreichtum und, ja, auch Kompromisse und gelegentlich auch einmal die Weisheit des Herzens.
Unsere Einheit müssen wir bewahren und für unsere Einheit müssen wir immer wieder auch kämpfen. Denn eine Spaltung und Atomisierung würde der jüdischen Gemeinschaft irreparablen Schaden zufügen. Ein Zerfall der Gemeinden in miteinander rivalisierende Gruppierungen würde auch die Handlungsfähigkeit des Zentralrats, heute zu Recht universell als Vertreter gemeinsamer jüdischer Interessen anerkannt und respektiert, erheblich schmälern und somit unsere politische Kraft nur vermindern – das kann keiner von uns wollen. Zudem steht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor einer Reihe großer Herausforderungen, die wir gemeinsam anpacken müssen. Es gilt, die Infrastruktur des jüdischen Lebens weiter auszubauen, unser Erziehungswesen noch besser zu gestalten, die Gemeinden durch Jugendarbeit zukunftssicher zu machen, Sozialaufgaben zu bewältigen, ohne dass die Gemeindeetats ausufern. Und natürlich müssen wir gemeinsam gegen Antisemitismus und Israel-Hass kämpfen.
Allerdings sollten wir auch und gerade nach dem Gemeindetag guten Mutes sein. Bei der Zusammenkunft in Hamburg kamen nämlich nicht nur Probleme, sondern auch so viel guter Wille zum Ausdruck. In vielen Gesprächen konnte ich mich überzeugen, dass sich der Großteil der Gemeindemitglieder für den Erhalt der bisher bewährten Strukturen und für die Einbeziehung aller Strömungen einsetzt – nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass wir nur auf dieser festen Grundlage von Gemeinschaft eine erfolgreiche Zukunft sichern können.
Patentlösungen für alle Probleme haben natürlich weder die Gemeinden noch die Landesverbände oder der Zentralrat. Wir werden uns aber stets dafür einsetzen, dass konkrete Lösungen ausgearbeitet werden. Kooperation, Kommunikation und Organisation bieten einen guten Ansatz. Seinerseits wird der Zentralrat, als das zentrale und dynamische Kompetenzzentrum des jüdischen Lebens in Deutschland, ganz sicher immer seinen Beitrag dazu leisten. Auf den nächsten Gemeindetag freue ich mich jedenfalls schon heute.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland