12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Berlin Transit

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums zeichnet das Schicksal jüdischer Flüchtlinge zwischen den beiden Weltkriegen nach

Von Carsten Dippel

Herbst 1919. In den Straßen Petrograds herrscht Chaos. Zu Tausenden fliehen die Menschen aus der von Revolutionswirren erschütterten Stadt. Unter ihnen ist auch die junge Jüdin Vera Slonim. Gemeinsam mit Schwester, Mutter und Dienstmagd besteigt sie einen Güterzug, der sie über Kiew bis ans Schwarze Meer bringt. In Odessa stößt der Vater zur kleinen Fluchtgruppe. Von dort geht es per Schiff nach Jalta, dann weiter über Istanbul, Sofia und Wien – bis nach Berlin. Ihre mehr als 5.000 Kilometer lange Odyssee dauert zwei Jahre. Das ist nur eines von vielen Beispielen. In den Wirren von Krieg und Revolution bildete Berlin für Zehntausende Juden aus Osteuropa einen Zufluchtsort. Mit dem Zusammenbruch der europäischen Ordnung im Ersten Weltkrieg gerieten die Juden in osteuropäischen Ländern vielfach zwischen die Fronten eines aufbrechenden Nationalismus. Sie wurden der Spionage verdächtigt, für Chaos und Unheil verantwortlich gemacht. Besonders schlimm war es in der vom Bürgerkrieg schwer gezeichneten Ukraine. Dort wurden schätzungsweise 100.000 Juden bei Pogromen ermordet.
In Berlin herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. So lässt sich nur schwer sagen, wie viele jüdische Flüchtlinge in Berlin lebten. Laut einer Zählung von 1925 waren es rund 63.000: Handwerker und Bauern ebenso wie Ärzte, Anwälte, Künstler und Intellektuelle. Anhänger und Gegner der Revolution, Zionisten und Antizionisten, Orthodoxe und Atheisten. Ihre Geschichte wird derzeit mit der Ausstellung „Berlin Transit“ im Jüdischen Museum Berlin nacherzählt.
Viele Flüchtlinge strandeten im Scheunenviertel, das schon seit Ende des 19. Jahrhunderts jüdische Einwanderer angezogen hatte. Das Stadtquartier hinter dem Alexanderplatz galt als Elendsviertel. Und doch war diese Gegend ein wichtiges Auffangbecken. Hier gab es Betstuben, koschere Metzgereien, jiddischsprachige Buchläden. In der Dragonerstraße hatte das Jüdische Volksheim seinen Sitz. Es kümmerte sich um Flüchtlinge und bereitete sie für die Ausreise nach Palästina vor. Dort arbeitete auch Dora Diamant aus Pabianice in Polen. Die letzte Gefährtin Franz Kafkas lebte mit dem großen Schriftsteller während dieser Zeit in Berlin-Steglitz. Doch nicht nur das Scheunenviertel, auch das im Westen gelegene Charlottenburg war ein Auffangbecken für die Flüchtlinge. Von manchen wurde das großbürgerliche Viertel bald „Charlottengrad“ genannt. Zum illustren Kreis an Künstlern und Intellektuellen innerhalb der Emigrantenszene zählten Mascha Kaléko, Ilja Ehrenburg, Gershom Scholem und David Bergelson. Mit ihren Werken leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zum Ruf Berlins als einer Hauptstadt der Moderne.
Auf einem Maskenball im Jahre 1923 begegnet Vera Slonim dem jungen russischen Poeten Vladimir Nabokov. Die beiden Flüchtlingskinder werden ein Paar. Später wird Vera Nabokov die Werke ihres Mannes herausgeben und übersetzen. Eine der wichtigsten Adres­sen in der russisch-jüdischen Szene Berlins war das Haus des Historikers Simon Dubnow. Als entschiedener Gegner der Bolschewiki kam er 1922 über Estland nach Berlin. Der hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik gehörte ebenso zu seinen Gästen wie Meir Dizengoff, später legendärer Bürgermeister Tel Avivs. Im Jahre 1922 gründeten die beiden Komponisten Joseph Achron und Michail Gnesin – zwei prominente Vertreter der Neuen Jüdischen Schule, einer 1908 in St. Petersburg entstandenen Bewegung, die eine jüdisch-nationale Musik zu kreieren suchte – in Berlin den Musikverlag Jibneh. Auch jüdische Volksmusik und jiddische Theaterstücke fanden auf zahlreichen Kleinkunstbühnen im Scheunenviertel Gehör. Wie facettenreich der Kulturbetrieb war, lässt sich allein schon an der Tatsache erkennen, dass in der deutschen Hauptstadt 50 jiddische Verlage gezählt wurden.
Dank ihrer Mehrsprachigkeit und weitverzweigten Kontakte waren die jüdischen Emigranten zugleich wichtige Mittler in die nichtjüdische Welt Berlins und hier vor allem in die russische Diaspora hinein. Iosif Gessen gab die auflagenstarke Tageszeitung Rul heraus, das wohl wichtigste Presseorgan der über 350.000 russischsprachigen Bewohner Berlins.
So erfolgreich sich manche Exilanten eine Existenz aufgebaut hatten, ihre Lage blieb insgesamt prekär. Als „Ostjuden“ apostrophiert, erlebten sie vielfach Ablehnung. Für die meisten Flüchtlinge blieb die Stadt Durchgangsstation. Unsicherheit, materielle Not oder einfach Angst vor der aufkommenden Bedrohung durch die Nazis trieb sie weiter nach Frankreich, Amerika, Palästina. Tausende „Ostjuden“ wurden nach 1933 von den Nazis abgeschoben, später in die Vernichtungslager deportiert. Simon Dubnows große Geschichte des jüdischen Volkes gehörte zu jenen Werken, die die Nazis 1933 in die Flammen warfen. Dubnow floh noch im August des Jahres nach Lettland. Doch er sollte den Nazis nicht entkommen. Im Dezember 1941 wurde er im Ghetto von Riga erschossen. Auch für Vera Slonim, verheiratete Nabokov, begann 1936 eine neue Odyssee: Über Prag und Paris gelangte sie schließlich nach Amerika.