12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Gedenken und bewahren

Der Holocaust-Historiker Arno Lustiger verstorben

Von Heinz-Peter Katlewski

Zu den größten Herausforderungen eines jeden Überlebenden der Nazi-Hölle gehörte es, mit der schrecklichen Vergangenheit zu leben, dabei aber die Gegenwart zu meistern. Von Arno Lustiger darf man mit Fug und Recht behaupten, dass er diese Aufgabe vorbildlich zu bewältigten und Kraft für ein außergewöhnliches Lebenswerk zu schöpfen vermochte.
Leicht oder gar selbstverständlich war das nicht. Nach Kriegsende blieb der ursprünglich aus dem polnischen Bendzin stammende Lustiger, der sechs Konzentrationslager und zwei Todesmärsche überlebt hatte, in Deutschland. Die ins Auge gefasste Auswanderung nach Nordamerika erwies sich wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Schwester und Mutter als unmöglich. Er gründete eine Familie, wurde Vater zweier Töchter, schuf sich eine Existenz als Unternehmer für Damenmoden und gehörte zu den Gründervätern der nach 1945 neu aufgebauten Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.
Vier Jahrzehnte lang konnte und wollte er über seine Erlebnisse nicht sprechen. Die deutsche Gesellschaft würde ihm nicht glauben, fürchtete er, und seine Kinder wollte er nicht damit belasten. Auf deren Frage nach der Bedeutung seiner eintätowierten KZ-Häftlingsnummer auf seinem Arm erzählte er, es sei die Telefonnummer eines Freundes, die er sonst vielleicht vergessen hätte. Wie andere Überlebende, hoffte, er, die Wunden würden einfach vernarben. Das Gefühl von Schuld gegenüber den Ermordeten verließ ihn allerdings nicht.
Mitte der achtziger Jahre fand er dann doch die Kraft, sich der Vergangenheit offen zu stellen. Ohne Abitur und Studium wurde er einer der wichtigen Historiker der Schoa. Er erforschte, was die Studierten lange nicht wahrhaben wollten: den jüdischen Widerstand gegen die Nazis, auch den hoffnungslosen, heldenhaften in den Lagern. Mit Ausdauer und Fleiß widerlegte er die bis dahin gängige Lehrmeinung, dass Juden keinen Widerstand zeigten und sich von den Nazis wie „Lämmer zur Schlachtbank“ führen ließen. Er sammelte Zeugenaussagen, wertete Biographien und Berichte aus und nannte die, die sich aktiv gegen die Verfolger, die Lagerkommandanten und die Mordmaschinerien wehrten, beim Namen. Zeugnisse dieses Widerstandes von 1933 bis 1945 veröffentlichte er 1994 in seinem Buch „Zum Kampf auf Leben und Tod“. Bei seiner Rede zum Tag der Befreiung am 27. Januar 2005 im Deutschen Bundestag verwies er zum Beispiel auf einen spontanen Aufstand Anfang Januar 1945 im Lager Auschwitz-Birkenau. Damals hätten jüdische Häftlinge die SS-Aufseher mit Äxten und Steinen angegriffen. Vier polnische Jüdinnen seien wenig später hingerichtet wurden, weil sie Sprengstoff organisiert hatten, um die Krematorien für die Verbrennung der Leichen von vergasten Juden in die Luft zu jagen: Ella Gartner, Roza Robota, Regina Safir und Ester Wajsblum.
1998 ging er auf das Schicksal der Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden ein. In seinem „Rotbuch“ über Stalin und die Juden schilderte er die sowjetische Politik, Juden als nationale Minderheit minderen Rechts zu behandeln. Arno Lustiger leistete mit insgesamt acht umfangreichen eigenen Werken einen materialreichen Beitrag zur Holocaust-Forschung und zur Erinnerungskultur. Er wurde vielfach geehrt, unter anderem mit der Ehrendoktorwürde der Universität Potsdam (2003), der Ehrenprofessur des Landes Hessen (2007) und dem Großen Bundesverdienstkreuz (2010).
Sein letztes großes Projekt kam im vergangenen Jahr in die Buchhandlungen und widmete sich dem „Rettungswiderstand“ – der Rettung von Juden während des Holocausts (s. letzte Ausgabe der „Zukunft“). Am Dienstag, den 15. Mai 2012 ist Arno Lustiger sel. A. im Alter von 88 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.