12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Spitzenamt

Großbritanniens Orthodoxie sucht einen neuen Oberrabbiner, Kritiker fragen aber, ob die Position noch zeitgemäß ist

Als Jonathan Sacks im Jahr 1991 zum Oberrabbiner Großbritanniens gewählt wurde, fragte sich manch einer besorgt, ob der Neue ein würdiger Nachfolger seiner hochangesehenen Vorgängers, Immanuel Jacobovitz werden würde. Allerdings konnte sich Sacks als Chief Rabbi der United Hebrew Congregations des Commonwealth, so der offizielle Titel, schon bald nicht nur als Schriftgelehrter, sondern auch als eine anerkannte, charismatische Persönlichkeit sowohl in der jüdischen als auch in der nichtjüdischen Welt durchsetzen. Als Rabbiner, Moralphilosoph, Buchautor, Professor, Medienstar und seit einigen Jahren auch eloquentes Mitglied des House of Lords hat er bis heute eine große Fangemeinde. Dabei scheut er sich nicht, lautstark jüdische Interessen zu vertreten, hat aber auch keine Berührungsängste im interreligiösen Dialog. Dass er sich gelegentlich auch Kritik einhandelt, gehört, wie jeder seiner Berufskollegen bestätigen wird, mit zum Amt.
Und so, wie die Zeit vergeht, wird heute ein Nachfolger für Rabbiner Sacks gesucht – und wieder fragt sich manch einer, wie sich ein würdiger Kandidat für das hehre Amt finden lässt. Obwohl der orthodoxe Gemeindeverband um Diskretion bemüht ist, sickerten die Namen von zwei potenziellen Nachfolgern durch, beide aus dem Ausland. Einer von ihnen ist der Oberrabbiner von Südafrika, Warren Goldstein. Goldstein, Jahrgang 1971, ist ein Senkrechtstarter und trat sein heutiges Amt im zarten Alter von 32 Jahren an. Dass er auch einen weltlichen Doktorhut hat, wäre im Wettrennen um die Nachfolge des Mitte 2013 sein Amt räumenden Sacks kein Nachteil. In der Gerüchteküche wird aber auch der ehemalige Oberrabbiner von Norwegen und israelische Ex-Minister Michael Melchior ins Gespräch gebracht.
Wer letztendlich die Ernennung bekommt, ist bisher offen oder doch zumindest nicht bekannt. Indessen muss sich der Nachfolger der Frage stellen, ob sein Amt noch zeitgemäß ist. Und zwar nicht nur, weil die religiösen und bürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung von einer demokratisch gewählten, repräsentativen Organisation, dem Board of Deputies of British Jews, wahrgenommen werden. Vielmehr vertritt der Oberrabbiner trotz seines staatstragenden Titels keineswegs alle jüdischen Strömungen, sondern nur die moderne Orthodoxie. Diese war bei der offiziellen Gründung des Oberrabbinats im 19. Jahrhundert die unangefochten dominante Kraft. Heute stellt sie dagegen zwar einen wichtigen Teil des britischen Judentums dar, kann aber keineswegs eine Monopolstellung beanspruchen. Die Zahl eingetragener Mitglieder der orthodoxen Synagogen im Lande liegt bei nur noch 46.000. Das sind 15 bis 18 Prozent der schätzungsweise 260.000 bis 290.000 britischen Juden beziehungsweise 55 Prozent aller im Vereinigten Königreich registrierten Mitglieder jüdischer Gemeinden. Die anderen 45 Prozent verteilen sich auf reformierte, liberale, konservative und ultraorthodoxe Sy­nagogen. Sie aber erkennen den Alleinvertretungsanspruch des Chief Rabbi nicht an. Seinerseits macht Sacks aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber den liberaleren Strömungen kein allzu großes Geheimnis. „Er ist sehr gut in interreligiösen, nicht aber in intrareligiösen Beziehungen“, urteilte jüngst der Geschäftsführer der britischen Reformbewegung, Ben Rich. Die Reformbewegung hat Anfang 2012 einen eigenen Oberrabbiner ernannt, der ihrer Auffassung nach dem orthodoxen Chief Rabbi gleichgestellt ist. Die United Hebrew Synagogues haben aber auch einen orthodoxen Rivalen, die Orthodox Federation of Synagogues, die sich von Sacks nicht vertreten fühlt. „Teile der jüdischen Bevölkerung“, meint der Direktor der kleinen, aber dynamischen konservativen Bewegung, Matt Plen, „definieren das Judentum neu.“ Vor allem junge Menschen, so Plen, wollten selbst bestimmen, auf welche Weise sie ihre Religion auslebten.
Nun darf man annehmen, dass der Nachfolger von Jonathan Sacks trotz solchem Dissens ordnungsgemäß gewählt und in sein Amt als formales Oberhaupt britischer Juden eingeführt wird. Allerdings wird er neben der Wahrnehmung seiner eigentlichen Pflichten auch die Frage zu beantworten haben, wie sich die Existenz seines Amtes langfristig sichern lässt. Und zwar ohne Bruderzwist: In einer Zeit nämlich, in der die Zahl der Juden in Großbritannien abnimmt – allein in den beiden letzten Jahrzehnten lag das Minus bei einem Fünftel – ist die jüdische Gemeinschaft Großbritanniens in besonderem Maße auf tragfähige Strukturen angewiesen. JTA/zu