12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Optimismus zahlt sich aus

Die Zuwanderung aus der Ex-UdSSR hat der Jüdischen Gemeinde Chemnitz eine rasante Entwicklung ermöglicht

Von Olaf Glöckner

Die jüdische Gemeinde in Chemnitz hat eine wechselvolle Geschichte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog die sächsische Metropole zahlreiche Juden an, die nicht zuletzt am Aufbau der florierenden Textilindustrie beteiligt waren. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wies die Mitgliederliste der Gemeinde 3.500 Namen auf. Durch die Schoa wurde das jüdische Leben in der Stadt nahezu vollständig ausgelöscht. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wagten mehrere Dutzend Frauen und Männer den Neuanfang, doch wurde die Gemeinde in der 1953 in Karl-Marx-Stadt umbenannten Stadt immer kleiner. Als in Berlin die Mauer fiel, zählte sie gerade mal zwölf Mitglieder.
Dann kam Verstärkung: Die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sow­jetunion verhinderte in den neunziger Jahren den Gemeindekollaps. Im Mai 2002 konnte am Rande des Stadtkerns eine neue Synagoge samt Gemeindezentrum eingeweiht werden. Den imposant-modernen Bau mit markantem Beton-Glas-Oval in der Mitte, entworfen vom Frankfurter Architekten Alfred Jacoby, nutzen heute mehr als 600 Mitglieder.
Die Gemeindevorsitzende und promovierte Historikerin Ruth Röcher, die 1994 als Religionslehrerin aus Nordrhein-Westfalen nach Chemnitz kam, erinnert sich an die Aufbruchsjahre: „Wir begannen mit viel Enthusiasmus, aber in meinem ersten Religions-Kurs für Jugendliche saß mir nur ein einziger Junge gegenüber. Doch Siegmund Rotstein, der die Gemeinde schon durch die schwierige DDR-Zeit gesteuert hatte, blieb optimistisch, und er behielt Recht.“ Schritt für Schritt entwickelten sich während der neunziger Jahre neue Netzwerke und Vereine, in die bald auch die Zuwanderer ihre Kompetenz einbrachten – sei es beim Aufbau der Krankenbetreuung Bikur Cholim, der Chewra Kadischa, der Kinderstube „Mischpocha“, der Makkabi-Sportgruppe, des Jugendzentrums oder des in Chemnitz sehr beliebten Chors „Schir Semer“.
Die Angst, dass sich die Chemnitzer Gemeinde zu einem exklusiven „russischen Klub“ entwickeln würde, erwies sich als unbegründet. Zu den Alteingesessenen und Zuwanderern gesellten sich Juden aus Israel, den USA, Spanien und sogar Bulgarien. Auch eine Reihe von Konvertiten schloss sich der Gemeinde an. Der israelische Professor Rafi Wertheim, der als Gastdozent an der TU Chemnitz Maschinenbau lehrt und sich auf vielfältige Weise im Gemeindeleben engagiert, ist voller Lob: „Ich treffe hier hochgebildete Menschen, sie sind aufgeschlossen und interessiert, und wir finden viele Gemeinsamkeiten.“ Rafis Frau Hanna bot mehrfach Hebräisch-Kurse an, und das Ehepaar bringt regelmäßig israelische Künstler nach Chemnitz. Berufsmusiker aus Osteuropa und den USA, die an der städtischen Robert-Schumann-Philharmonie ihr Geld verdienen, gastieren mit Vorliebe im neuen Gemeindezentrum. Maler und Grafiker aus der Ukraine und Russland warten mit eigenen Ausstellungen und Kursen auf. Jüdische Fachärzte bieten kostenlose Konsultationen, vor allem für die älteren Gemeindemitglieder, an. Auch zu kommunalen Einrichtungen und zu mehreren Kirchengemeinden haben sich rege Kontakte entwickelt.
Was aber wäre die Gemeinde ohne gefestigte eigene Identität? Viele Schabbat-Gottesdienste werden von den Gabbaim (Synagogenvorsteher) bisher selbst gestaltet. Ein eigener Rabbiner oder Kantor ist bisher nicht in der Gemeinde tätig. „Uns liegen eine ganze Reihe Bewerbungen vor“, verrät Ruth Röcher, „aber es gibt sehr viele Faktoren und Aspekte, die bei der anstehenden Entscheidung zu beachten sind. Wichtig ist uns, dass der Rabbiner sämtliche Altersgruppen verstehen und begeistern kann.“ Dabei hat die Vorsitzende ganz sicher auch die Jüngsten vor Augen, für die im Herbst 2011 eine eigene jüdische Kindergartengruppe im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg eröffnet werden konnte. „Begonnen haben wir hier mit weniger als zehn Mädchen und Jungen. Jetzt sind wir bei 17, und die Nachfrage steigt“, freut sich Leiterin Annett Helbig.