12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Moral, Glaube und schlechtes Gewissen

Der Verleger Axel Springer hatte die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden zu einem seiner zentralen Anliegen gemacht

Von Heinz-Peter Katlewski

Hundert Jahre wäre er am 2. Mai geworden: Axel Cäsar Springer, geboren in Hamburg-Altona, war der vielleicht einflussreichste, sicher aber der umstrittenste Zeitungsverleger in Deutschland nach 1945 – dies vor allem, weil sein Kurs vom Großteil der deutschen Linken als „reaktionär“ empfunden wurde. Springer nutzte seine Medien – darunter das Massenblatt „Bild“ und das intellektuelle Flaggschiff „Welt“ – nämlich bewusst, um politische Ziele durchzusetzen, etwa indem er sich konsequent weigerte, die deutsche Teilung zu akzeptieren und die DDR anzuerkennen.
Zu seinen Hauptanliegen gehörte es aber auch, nach der Schoa ein neues Kapitel zwischen Deutschen und Juden aufzuschlagen. Springer verpflichtete seine Autoren und Redakteure – auch das offen, konsequent und bewusst – auf die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und trat mit seinen diversen Blättern für die Existenzsicherung und Entwicklung Israels sein. Den jungen Staat unterstützte er auch durch großzügige Spenden für wissenschaftliche, kulturelle und soziale Projekte.
1966, ein Jahr nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland, reiste Springer erstmals nach Jerusalem und tat das bis zu seinem Tode am 22. September 1985 noch unzählige Male. „In Israel wurde er als Freund angesehen und galt als der beliebteste Deutsche, während er in seiner Heimat möglicherweise der unbeliebteste war“, kommentiert der Historiker Dmitrij Belkin, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurter Fritz Bauer Instituts und gegenwärtig Kurator sowie Projektleiter einer Sonderausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt mit dem Titel „Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden“.
Niemand habe die vom ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer vertretene Staatsräson von der besonderen Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel konsequenter verfolgt als der Verleger mit seinen Zeitungen, Magazinen und Illustrierten, betont Belkin. Das sei auch heute nicht nur die Politik von „Bild“, sondern die des ganzen Konzerns. Statt allerdings wie Axel Springer auf die Heilige Stadt Jerusalem fixiert zu sein, fühle sich der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG Mathias Döpfner eher zum quirligen Tel Aviv hingezogen.
Die Gründe für dieses Engagement von Axel Springer seien nicht nur aus seiner moralischen Überzeugung, sondern auch aus seiner Biografie zu erklären, glaubt Belkin, vor allem aus einem schlechten Gewissen Springers gegenüber seiner ersten Ehefrau, Martha Else Meyer. Er hatte sie 1933 geheiratet, ließ sich von ihr aber – als durchaus angepasster Journalist – unter dem Druck des vom NS-Regime erlassenen „Schriftleitergesetzes“ (1934) und der „Nürnberger Rassegesetze“ (1935) scheiden. Sie war jüdischer Abstammung.
Auch Springers Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung Deutschlands spielte eine Rolle. Eine Wiedervereinigung, so Springers Überzeugung, ließ sich nur erreichen, wenn die Deutschen sich zu ihrer Schuld bekannten, Auschwitz als mörderischen Sündenfall ihrer Geschichte akzeptierten und sich fortan für die Juden einsetzten. Ein weiteres, grundlegendes Motiv sei sein emotional geprägter christlicher Glaube gewesen, in dem den Juden eine besondere Heilsrolle zukomme, so Belkin.
Axel Springer versuchte, aus der negativen Verknüpfung der Geschichte von Deutschen und Juden heraus ein positives Verhältnis zu schaffen. Auch bei vorwiegend wirtschaftlichen Entscheidungen habe dieses Motiv eine Rolle gespielt, hat Dmitrij Belkin festgestellt: „Er hat sogar versucht, sich selbst in die deutsch-jüdische Geschichte einzureihen, als er 1959 den Ullstein-Verlag übernommen hat. Dort sah er sich in der Kontinuität der sechs Ullstein-Brüder, denen dieser größte ‚jüdische Verlag‘ in Deutschland vor der Enteignung durch die Nazis 1934 gehört hatte.“ In den siebziger Jahren sei es ihm gelungen, ein freundschaftlich-kooperatives Verhältnis zu Vertretern der jüdischen Gemeinschaft aufzubauen, insbesondere zum damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski.
Springer sei nicht frei von Widersprüchen gewesen, ergänzt Belkin. Während der sechziger und siebziger Jahre, der Periode der großen Anti-Springer-Kampagnen und der Proteste von Intellektuellen und Studenten gegen die Herrschaft des Schah in Persien und den Vietnamkrieg, hätten in den Führungsetagen des Verlagshauses frühere prominente Nationalsozialisten wie Paul Carell und Horst Mahnke sowie der jüdische Remi­grant Ernst Cramer nebeneinander die Politik des Verlages entwickelt und vertreten.
Axel Springer starb am 22. September 1985 in Berlin.