12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Gemeinsamkeiten nutzen

Der Zentralrat der Juden in Deutschland leitet Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen und Gemeinden in der ehemaligen Sowjetunion in die Wege / Interview mit Generalsekretär Stephan J. Kramer

Zukunft: Herr Kramer, bei Ihrem Moskau-Besuch im April haben Sie Gespräche über eine Zusammenarbeit zwischen jüdischen Einrichtungen und Gemeinden in Deutschland auf der einen und in Russland sowie anderen Ländern der ehemaligen Sowjet­union auf der anderen Seite geführt. Welche Konzeption liegt diesem Plan zugrunde?
Stephan J. Kramer: Der Zentralrat der Juden in Deutschland setzt sich als Organisation, aber auch ganz persönlich durch seinen Präsidenten Dr. Dieter Graumann für eine stärkere internationale, insbesondere europäische Vernetzung jüdischer Gemeinden ein. Wir haben gemeinsame Interessen, gemeinsame Ziele, ähnliche Probleme. Wir alle können von mehr Kooperation und mehr Kontakten nur profitieren. Das gilt selbstverständlich auch für die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Deutschland gehört zu den Ländern mit der größten Zahl russischsprachiger Juden. Rund neun von zehn in der Bundesrepublik lebenden Juden sprechen Russisch, sei es als Muttersprache, sei es als im Elternhaus erlernte Zweitsprache. Das schafft natürlich zusätzliche Gemeinsamkeiten mit der jüdischen Bevölkerung in der GUS. Bei diesen Gemeinsamkeiten wollen wir ansetzen.
Natürlich sind die in Deutschland lebenden Juden in Deutschland zu Hause. Die Zuwanderer haben sich hervorragend integriert; ihre Kinder haben erst recht keine sprachlichen oder kulturellen Schwierigkeiten in der Bundesrepublik. Allerdings spricht nichts dagegen, dass sie ihre jüdischen Wurzeln in den Herkunftsländern kennen und pflegen. Ganz im Gegenteil: Das kann sie nur bereichern und ihnen bessere Kontakte zu Juden in den Ländern der Ex-UdSSR ermöglichen. Ein Abrutschen in Parallelgesellschaften droht ihnen mit Sicherheit nicht.

Wie soll die Kooperation aussehen?
Mit dem Präsidenten des Russischen Jüdischen Kongresses, Yuri Kanner, konnten wir eine Grundsatzübereinstimmung über eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Organisationen, aber auch zwischen den jüdischen Gemeinden beider Länder erzielen. Wir wollen Gemeindepartnerschaften ins Leben rufen, die – ähnlich wie Städtepartnerschaften – der Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen, gegenseitigen Besuchen, vielleicht auch gemeinsamen Ferienlagern für junge Gemeindemitglieder und weiteren Projekten dienen sollen. Wir können auch bei der Erstellung und Verbreitung von Unterrichtsmaterialien für Kinder und Jugendliche zusammenarbeiten. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, und wir wollen auch am Ball bleiben. Der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, hat den Präsidenten Kanner zum Gemeindetag des Zentralrats eingeladen, der vom 1. bis 3. Juni 2012 in Hamburg stattfindet. Dort soll Präsident Kanner nicht nur ein Grußwort an die Teilnehmer richten, vielmehr kann er sich so vor Ort über die Lage jüdischer Gemeinden in Deutschland informieren.

Wie sieht es mit anderen Ländern der GUS aus?
Wir sind daran interessiert, alle Möglichkeiten auszuloten. Ich habe in Moskau auch Gespräche mit Professor Michael Chlenov, Generalsekretär des Euro-Asiatischen Jüdischen Kongresses, geführt, der jüdische Gemeinden fast aller GUS-Länder repräsentiert. Wir wünschen ein möglichst enges Geflecht von Partnerschaften. Nach meinem Moskau-Besuch hatte ich auch Gelegenheit, in Washington mit Josef Zisels, dem Vorsitzenden der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden in der Ukraine, zusammenzutreffen. Dabei kam die Zusammenarbeit zwischen jüdischen Gemeinden in Deutschland und in der Ukraine zur Sprache. Auch hier werden wir versuchen, möglichst schnell konkrete Ergebnisse zu erzielen.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und den jüdischen Dachverbänden der GUS-Länder?
Es gibt eine breite Palette von Gebieten, auf denen wir zusammenarbeiten können. Über den Bereich der Erziehung und Jugendarbeit hinaus, der für eine Stärkung jüdischer Identität unerlässlich ist, geht es um gemeinsamen Schutz jüdischer Interessen, Bekämpfung des Antisemitismus, Informationsarbeit, Sozialarbeit und laufenden Erfahrungsaustausch. Wir können und müssen auch im gesamteuropäisch-jüdischen Rahmen kooperieren und gemeinsame Positionen erarbeiten. Das ist ein ganz wichtiger Bereich, dessen Ergebnisse sich vielleicht weniger greifbar als bei Kooperationsprojekten auf Gemeindeebene ausnehmen, aber dennoch einen nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zum jüdischen Leben in Europa und in den einzelnen Ländern leisten.

Ist auch die Einbeziehung russischsprachiger Juden in Israel und in den USA in die neue Zusammenarbeit vorgesehen?
Mit Russland, der Ukraine, Israel, den USA und Deutschland sind in der Tat die Länder mit der größten Zahl russischsprachiger Juden genannt. Und selbstverständlich sind wir auch an gemeinsamen Projekten mit Israel und Juden in den Vereinigten Staaten interessiert. Im Sommer 2013 kommt eine Gruppe russischsprachiger Juden aus New York nach Deutschland. Allerdings ist die russischsprachige Schiene nur ein Element unserer Bemühungen um engere Kontakte zu Israel und zur jüdischen Gemeinschaft in den USA. Wir wollen keine „jüdisch-russische Internationale“ ins Leben rufen, sondern den gemeinsamen sprachlichen und kulturellen Hintergrund zum Wohl unserer Gemeindemitglieder und zur Förderung gemeinsamer Interessen nutzen. zu