12. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2012 | 10. Siwan 5772

Vielfalt und Zusammenhalt

Zum ersten Mal fand das Limmud-Festival in Berlin statt / Zentralratspräsident im Gespräch

Vom 17. bis 20 Mai sah die Jüdische Oberschule in Berlin-Mitte wie ein Festivalgelände aus. Dort fand das Lernfest „Limmud“ statt – übrigens zum ersten Mal in Berlin. An den Workshops, Diskussionen, Lesungen, Filmvorführungen, Stadtführungen und Gottesdiensten nahmen insgesamt 500 Menschen teil. Wie das U-Bahn-Liniennetz einer Großstadt sah das Titelblatt des Limmud-Programmheftes aus. Das Motiv war Symbol: So wie Bahnlinien sollten sich die unterschiedlichen religiösen Strömungen und politischen Interessen treffen und kreuzen, erklärte der Vorsitzende von Limmud, Alexander Smolianitski. Weit reichte auch die Altersspanne der Teilnehmer: Vom Einjährigen, der Spaß beim Kinderprogramm hatte, bis zu ergrauten Köpfen waren alle Altersgruppen vertreten. Eröffnet wurde das Lernfest wurde vom Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, und vom stellvertretenden Schulleiter Uwe Jacobs.
Ein Highlight war am Freitag, dem 18. Mai, die Debattenrunde mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, der sich eine Stunde lang den Fragen des Publikums stellte. Ihn fasziniere, so der Zentralratspräsident, der Hunger nach Wissen, der bei Limmud geradezu mit Händen zu greifen sei. Das lebenslange Lernen sei fester Bestandteil der jüdischen Spiritualität, ja, das Judentum sei eigentlich der Erfinder des lebenslangen Lernens, sagte Dr. Graumann. Bei Limmud werde ein neues, positives Judentum präsentiert. Dies sei ganz im Sinne des Zentralrats, der das Festival auch finanziell unterstützt habe.
Doch nicht nur bei Limmud finde sich Vielfalt, sondern in der gesamten jüdischen Gemeinschaft, betonte Dr. Graumann auf eine Frage des amtierenden Chefredakteurs der „Jüdischen Allgemeinen“, Detlef David Kauschke, der das Gespräch moderierte. „Wir müssen die Pluralität nicht ertragen wie einen Schnupfen, sondern Pluralität ist wie ein Schwungrad, das uns stärker macht.“ Die spirituellen Schätze des Judentums müssten freigelegt werden.
Eine große Pluralität zeigte sich denn auch bei den Fragen des Publikums, die von Belangen einzelner jüdischer Gemeinden bis zu großen politischen Fragen wie dem Antisemitismus in Europa reichten. Dr. Graumann betonte, dass es wichtig sei, bei aller Vielfalt auch mit einer Stimme zu sprechen. Der Zentralrat sei bestrebt, viele Strömungen unter seinem Dach zu vereinen. „Wenn wir uns aufspalten, wird es mit unserer Stärke vorbei sein.“
Der Zentralrats-Präsident wies darauf hin, dass sich der Zentralrat nicht als moralische Instanz verstehe. „Wir wollen Kreativität statt Empörungsritualen.“ Allerdings gebe es immer wieder aktuelle Ereignisse, wie etwa die Debatte über das Gedicht von Günter Grass oder den Antisemitismus in der Piratenpartei, bei denen der Zentralrat seine Stimme erheben müsse. In Deutschland seien konstant etwa 20 Prozent der Bevölkerung als Antisemiten einzustufen, berichtete Dr. Graumann. „Es kann uns nicht trösten, dass diese Werte in unseren Nachbarländern noch höher sind.“ Nach Einschätzung des Zentralratspräsidenten haben die Umfrageergebnisse nichts mit der Finanzkrise zu tun, sondern bewegen sich schon lange auf diesem Niveau.
Dringlich formulierte Dr. Graumann seinen Wunsch, dass sich die muslimische Gemeinschaft in Deutschland auch gegen den Antisemitismus unter Muslimen einsetze. Der Dialog mit den Muslimen sei ihm sehr wichtig. Der Zentralrat setze sich seit langem für die Muslime ein. Dieser Dialog dürfe jedoch keine Einbahnstraße sein.Dr. Graumann kündigte an, der Zentralrat der Juden werde sich künftig bewusst zu einem Kompetenzzentrum entwickeln, das den jüdischen Gemeinden helfen könne, sich besser zu vernetzen oder Expertise abzufragen. Diese Entwicklung, die auch von Gemeinden gewünscht werde, sei bereits im Gange. Zugleich betonte Dr. Graumann, dass der Zentralrat nicht in die Gemeinden hinein regieren dürfe. Die Gemeinden seien autonom, ohne deswegen aber auf die Unterstützung des Dachverbandes verzichten zu müssen. zu