12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Mosaik der Menschlichkeit

Arno Lustigers Buch „Rettungswiderstand“ bietet wichtige Einblicke in die Rettung von Juden während der Schoa

Ein neues Buch über die Rettung von Juden während der Schoa zu schreiben, wie es der Forscher und Historiker Arno Lustiger mit seinem Werk „Rettungswiderstand“ getan hat, ist ein gewisses Wagnis. Schließlich ist das Thema in der historischen Forschung wie in der Literatur nicht neu. Zudem zeichnet die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Nichtjuden, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden in den Jahren der Schoa retteten, als Gerechte der Völker aus: Einige von ihnen haben internationale Berühmtheit erlangt.
Auch wenn das Thema an sich nicht neu ist, so bietet Lustigers Buch besondere Einblicke in die Materie. Lustiger definiert die Rettung von Juden als eine Form des Widerstands gegen die Nazis und deren Verbündete; daher auch der Begriff „Rettungswiderstand“. Sein Ansatz ist zudem viel weiter gespannt als bei Yad Vashem. Lustiger hat in seine Untersuchung nämlich auch solche Retter einbezogen, die ohne eine unmittelbare Gefährdung ihres eigenen Lebens Juden halfen. Nicht minder wichtig: Jüdische Retter werden in dem Buch ebenfalls berücksichtigt. Das ist besonders wichtig, weil diese Gruppe, jedenfalls in der breiten Öffentlichkeit, mitunter im Schatten der nichtjüdischen Gerechten steht. Dabei war es für Juden oft besonders schwer, anderen Juden zu helfen. Die Aufnahme ins eigene Versteck, die konspirative Beschaffung gefälschter Dokumente oder der Schutz, den jüdische Partisanen in den Wäldern Ostpolens und in westlichen Gebieten der Sowjetunion unbewaffneten Zivilisten gewährten, steigerten ihr ohnehin hohes eigenes Risiko, gefasst und ermordet zu werden. Hierzu bietet Lustigers Buch wichtiges Material.
Der europaweite Blickwinkel des Werkes erleichtert es dem Leser, die Herausforderungen, denen sich die Retter in einzelnen Ländern gegenübersahen, besser einzuordnen und zu vergleichen. Dabei begnügt sich Lustiger nicht mit allgemeinen Erkenntnissen, sondern bietet eine Fülle von Informationen, die in dieser Konzentration auch einem gut vorgebildeten Leser bestenfalls teilweise bekannt sind. Ob die Motivationslage protestantischer Judenretter in Frankreich – zuerst dem Petain-Regime zugeneigt, dann aber zunehmend informierter und kritischer – oder die unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Rettung der weitgehend assimilierten Juden in Athen beziehungsweise ihrer in einer eigenständigen Gemeinschaft lebenden Glaubensgenossen von Saloniki – es ist nicht zuletzt ein solcher Blick auf die Details, der auch den didaktischen Wert des Buches ausmacht.
Aus diesem Grund entzieht sich das Werk denn auch einer gängigen Zusammenfassung. Seine einzelnen Elemente – die Betrachtung Deutschlands, der besetzten Länder und der Verbündeten des Dritten Reiches, die eingehende Betrachtung verschiedener Konfessionen sowie die minutiöse Schilderung der konspirativen Arbeit der Retter – stehen nicht nur ergänzend nebeneinander, sondern bereichern einander. So ist das Werk mehr als die Summe seiner Teile.
Sollte man dennoch versuchen, das vielleicht wichtigste Element des gut 460 Seiten starken Werkes zu benennen, so ist es die von Lustiger an Hand vieler Einzelfälle überzeugend dargestellte menschliche Vielfalt der Retter. Viele stammten aus einflussreichen Familien, verfügten über Geld oder Macht und Würden. Wenn sich ihr Anteil als überproportional groß herausstellen sollte, wäre das kein Wunder: Einfluss, egal wodurch er entsteht, lässt sich ja auch für gute Zwecke nutzen. So etwa bei Albert Göring, dem Bruder des Nazi- Reichsmarschalls Hermann Göring. Albert, ein überzeugter NS-Gegner, nutzte schon mal den Namen seines Bruders, um jüdischen Verfolgten zu helfen. Zur Not, berichtet Lustiger, fälschte er auch gelegentlich Hermanns Unterschrift. Anders, aber nicht minder einfallsreich agierte Damaskinos Papandreou, der Erzbischof von Athen, der ein gut organisiertes Hilfsnetzwerk für Juden aufbaute. Der tunesische Aristokrat Chaled Abd El-Wahab wiederum nutzte seine Beziehungen zur Wehrmacht, um Juden zu retten.
Es gab aber auch Menschen, die weder Rang noch Namen hatten und dennoch das ihnen Mögliche taten. So etwa der deutsche Kommunist und Buchenwald-Häftling Wilhelm Hermann Hammann, der als „Blockältester“ jüdische Kinder durch einen mutigen Bluff vor dem Abtransport retten konnte. Oder der Kolchos-Buchhalter Pawel Sirtschenko der sieben jüdische Familien in seinem Kolchos im Gebiet von Dnepropetrowsk untertauchen ließ. Der italienische Zivilarbeiter Lorenzo Perrone rettete dem Schriftsteller Primo Levi in Auschwitz das Leben, indem er ihn mit wärmerer Kleidung und Essen versorgte. Die Beispiele ließen sich mehren.
Menschlichkeit ist auf keine bestimmte Bevölkerungsgruppe begrenzt. Das ist eine zentrale Botschaft, die Lustiger uns überzeugend nahebringt. Dabei setzt er Heldentum aber nicht als selbstverständlich voraus. Gerade er, der die Nazi-Hölle überlebt hat, weiß, wie selten diese Eigenschaft ist und wie hoch sie geschätzt werden muss.
wst

Arno Lustiger: Rettungswiderstand.
Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit,
Wallstein Verlag, Göttingen, 2011,
ISBN978-3-8353-0990-6