12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

„Es läuft sehr gut“

Die jüdische Gemeinde in Krefeld hat sich erfolgreich etabliert

Von Zlatan Alihodzic

Geschichte und Gegenwart treffen sich in der Jüdischen Gemeinde Krefeld beinahe an jeder Ecke. Bevor er die Besucher in sein Büro führt, verweilt Michael Gilad mit ihnen im Foyer des modernen Gebäudes an der Krefelder Wiedstraße unter einem riesigen Davidstern, der gleichzeitig Kunstwerk und Stütze für die Dachkonstruktion ist. Durch große Glasscheiben blickt man zum neuen Gotteshaus. In einer Glasvitrine ist der bald 150 Jahre alte Grundstein der Synagoge aus dem Stadtteil Linn zu sehen. Hoch oben fällt Licht durch bunte Fenster. „Von Thorn Prikker, einem Künstler aus Krefeld", betont Gilad. „Sie wurden für die Synagoge an der Petersstraße konstruiert, damals eine der schönsten in Deutschland." 1938 wurden Fenster wie Synagoge zerstört. Doch vor wenigen Jahren konnte eine Neuanfertigung nach den wieder aufgetauchten Skizzen in Auftrag gegeben werden.

Gilad kann nicht nur Geschichten über die Gemeinde erzählen, er gehört selbst zu ihrer Geschichte. 1981 wurde er zum zweiten Vorsitzenden gewählt, gleichzeitig übernahm Johann Schwarz die Aufgaben des ersten Vorsitzenden. Und dieses Duo blieb dann für lange Zeit gemeinsam an der Spitze.
Nach 31 Jahren der Wechsel: Johann Schwarz, Direktor des Amtsgerichts Krefeld und Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, stellte sich Ende März nicht mehr zur Wahl. „Wir haben uns gut ergänzt", erzählt Gilad. „Wir sind mit der Zeit gute Freunde geworden. Und ich weiß genau, dass ich ihn immer anrufen und auf seinen Rat zurückgreifen kann."
Eine der wichtigsten Aufgaben, die Schwarz und Gilad meistern mussten, war die Integration von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Gerade 200 Mitglieder hatte die Jüdische Gemeinde Krefeld Ende der achtziger Jahre. Heute sind es 1.100. „Wir wussten, was wir zu tun hatten. Und wir haben es hinbekommen", sagt Gilad.

Doch es brauchte seine Zeit. Erst 2009 bekamen die Mitglieder den Platz, den sie für das Gemeindeleben benötigten. Von einem Raum in der ersten Etage breitete sich die Gemeinde im gesamten Gebäude an der Wiedstraße aus. Der 65-jährige Gilad hat heute noch funkelnde Augen, wenn er von der Eröffnung des neuen Gemeindezentrums erzählt. „Alle kamen sofort mit Begeisterung, die Gemeinde konnte ein neues Leben beginnen." Vor dem Umbau seien viele Mitglieder gar nicht gekommen, weil sie hier ohnehin nur selten einen Platz für Aktivitäten gefunden hätten. „Aber heute ist es ein Treffpunkt für alle."
Im letzten Sommer eröffnete im Hof zwischen Synagoge und Verwaltungstrakt ein heute bei Gemeindemitgliedern wie Nichtmitgliedern populäres Café. Auch der Verkauf koscherer Lebensmittel floriert. „Wir bestellen regelmäßig nach, immer wieder fehlt uns was", erzählt Natalia Wagner, die Frau des Krefelder Rabbiners Yitzchak Mendel Wagner. Rabbiner Wagner engagiert sich für den Weiterbau der Mikwe.

Im Februar hat die Gemeinde eine historisch bedeutsame Tora-Rolle eingeweiht, die in der Nazi-Zeit von einem Flüchtling aus Ungarn nach Chile gebracht worden war. Sie wurde 1982 für die Gemeinde in Krefeld erworben, doch stellte sich heraus, dass sie nicht mehr koscher war. Erst nach umfassenden Arbeiten in Antwerpen und in Israel wurde sie wieder im Einklang mit den halachischen Anforderungen restauriert.

Der neue Gemeindevorsitzende Gilad ist zufrieden. Es laufe für die Krefelder, weiß er, sehr gut. „Etwas mehr um die jüngeren Leute könnten wir uns noch bemühen. Darin sehe ich auch eine meiner wichtigsten Aufgaben für diese Legislaturperiode."
Jüngere Leute gibt es nun aber sogar im Vorstand. „Neben uns Älteren sind auch Menschen Anfang Dreißig dabei", sagt Gilad. Deren Vorstellungen von einer Gemeinde sollen nun berücksichtigt werden, wünscht sich der Vorsitzende. Er selbst gehöre zum „alten Eisen": „Ich werde sicher nicht noch mal 30 Jahre machen." Doch zumindest in den nächsten drei Jahren sollen Alt und Jung im Vorstand voneinander lernen.