12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Söhne des Lichts

Israel hat gute Chancen, eine weltweite Sonnenenergie-Revolution anzuführen – muss sie aber richtig nutzen

Vor zweitausend Jahren glaubten die Essener, Angehörige einer am Toten Meer lebenden jüdischen Sekte, an die nahende Schlacht zwischen den Söhnen des Lichts und den Söhnen der Finsternis. Zu dem schicksalhaften Krieg kam es nicht. Jetzt aber steht im Verheißenen Land tatsächlich ein Kampf zwischen der Urgewalt des Lichts und den Kräften des dunklen Erdengrunds bevor. Man kann es auch etwas weniger apokalyptisch formulieren: Israel hat gute Chancen, zu dem ersten Land der Welt zu werden, in dem photovoltaischer Strom fossilen Energieträgern im Großmaßstab Konkurrenz macht. Wohlgemerkt ohne staatliche Förderung. Damit wäre der lang ersehnte Durchbruch der Solarenergie schneller geschafft, als noch vor kurzem für möglich gehalten wurde.

Für den neuen Optimismus gibt es zwei Gründe. Zum einen macht der technologische Fortschritt die Photovoltaik – hierbei wird Strom durch direkte Umwandlung des Sonnenlichts erzeugt – immer kostengünstiger. Zum anderen aber treiben steigende Preise fossiler Energieträger die Erzeugungskosten „normaler“ Elektrizität in die Höhe. Yosef Abramowitz hat errechnet, wann sich die beiden Kurven überschneiden werden. „2013“, so der Präsident der israelischen Photovoltaik-Firma Arava Power, „wird die Kostenparität zwischen photovoltaischen Großanlagen“ – diese sind besonders effizient – „und herkömmlichen Kraftwerken bei 82 Agorot je Kilowattstunde erreicht.“ Das entspräche 16 Euro-Cent. Im Februar 2012 versprach die Firma Ashalim Sun PV sogar, Strom aus einer von ihr zu bauenden 30-Megatwatt-Anlage für nur 54 Agorot, knapp 11 Euro-Cent je Kilowattstunde zu liefern. Dieser Preis spiegelt zwar nicht alle Kosten wider, weil der Staat den Boden für das raumgreifende Bauwerk fast kostenfrei vergibt, dennoch hat die Billigofferte die Fachwelt in Staunen versetzt.

Eine große Hoffnung der Solarbranche ist die so genannte Konzentrator-Photovoltaik. Mit ihrer Hilfe wird das Sonnenlicht gebündelt, bevor es auf die Solarzellen trifft. Damit wird die Energieausbeute pro Flächeneinheit um ein Vielfaches gesteigert. Professor David Faiman, Direktor des israelischen Nationalzentrums für Sonnenenergie an der Ben-Gurion-Universität, gibt dieser Technologie die besten Chancen, als erste wettbewerbsfähig zu werden.
Dabei hat sich Israel bisher keineswegs als Solar-Großmacht hervorgetan. Eine nennenswerte Förderung des Solarstroms ist erst vor wenigen Jahren angelaufen – und auch das eher aus Gründen politischer Korrektheit als aus Überzeugung. Heute werden, so eine jüngste Schätzung, nur rund drei bis vier Promille des in Israel verbrauchten Stroms mit Hilfe der Sonne erzeugt. Trotzdem ist das Land ein führender Kandidat, bei der weltweiten Sonnenenergie-Revolution die Pionierrolle zu übernehmen. Schließlich gehört vor allem der Negev zu den einstrahlungsintensivsten Regionen der Welt. Je nach Region empfängt Israel pro Quadratkilometer zwei- bis zweieinhalbmal so viel Sonnenkraft wie das dunkle Deutschland.

Es gibt aber auch andere Faktoren. Israel ist kompakt, dynamisch, fortschrittsbegeistert und hochentwickelt. Die israelische High-Tech-Szene arbeitet intensiv an neuen Lösungen, die die Nutzung der Sonnenkraft beschleunigen. All das macht den Judenstaat zu einem idealen Testgelände für Sonnenergie. Nicht minder wichtig: Israels Interesse an einer energiepolitischen Wende ist nicht nur ökologischer und ökonomischer, sondern auch strategischer Natur. Je weniger Öl und Gas die Welt verbraucht, umso schneller sinken die Ölexporteinnahmen feindlicher Staaten. Schließlich muss Israel seine Stromerzeugungskapazitäten ohnehin massiv erweitern. Das bietet eine passende Gelegenheit, auf photovoltaische Anlagen zurückzugreifen – erst recht wenn der Strom, wie die neuen Berechnungen versprechen, dadurch nicht teurer wird.

Von allein passiert die Sonnenrevolution aber nicht. Erst einmal müssen potenzielle Investoren – einheimische wie internationale – und die israelische Regierung von der ökonomischen Durchführbarkeit der Energiewende überzeugt werden. Sonst bleiben die nötigen Milliarden-Investitionen aus. Parallel dazu gilt es, nicht nur die Erzeugung, sondern auch die Speicherung von Solarstrom fortzuentwickeln. Ohne billige Lagerung können PV-Kraftwerke, die bei Nacht oder Bewölkung ausfallen, keine ausreichende Versorgungssicherheit gewährleisten. Für die Lagerung elektrischer Energie gibt es bereits heute mehrere Lösungsansätze. Dazu gehören unter anderem aufladbare Batterien oder Pumpspeicherwerke. Letztere pumpen Wasser mit Hilfe überschüssigen Stroms in hochgelegene Reservoirs. Beim Spitzenbedarf an Strom fließt das Wasser wieder nach unten und treibt dabei eine Turbine zur Stromerzeugung an. Allerdings müssen die vorhandenen Technologien an eine breit angelegte Nutzung angepasst werden.

Eine Verbilligung des Stromtransports wiederum könnte solaren Strom zur globalen Handelsware machen. Dann wären beispielsweise israelische Stromlieferungen an Deutschland auch über dreieinhalb Tausend Kilometer durchaus denkbar. Eine Anbindung Israels ans europäische Elektrizitätsnetz über Zypern und Kreta ist jetzt schon geplant – vor allem damit Israel Strom importieren kann. Allerdings ließe sich die Richtung genauso gut ändern.
Um an solchen, heute noch utopisch klingenden Entwicklungen teilzunehmen, muss sich Israel jedoch beeilen. So verlockend der jüdische Staat als Versuchsplattform für die neue Energie-Ära ist, gibt es durchaus auch Konkurrenz, von Amerika bis hin zu China. Will das Land in vorderster Reihe stehen, muss binnen kürzester Zeit ein neues energiepolitisches Paket geschnürt werden, das klare Zielvorgaben, Investitionsförderung und einen entschlossenen Abbau bürokratischer Hemmnisse enthält. Sonst entscheidet sich der Kampf zwischen den Kräften des Lichts und den Mächten des Erdreichs anderswo.

wst