12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Mit Laptop und Tora

Die Jüdische Grundschule Stuttgart freut sich über ihre Erfolge – und platzt aus allen Nähten

Von Brigitte Jähnigen

Die Jüdische Grundschule Stuttgart ist eine von mehr als 250 in freier Trägerschaft tätigen Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg. Und zwar eine überaus erfolgreiche. Wegen des regen Zulaufs platzt sie im vierten Jahr ihres Bestehens aus allen Nähten. Eine Erweiterung ist daher dringend nötig und auch geplant.

„Wie heißt der Wochenabschnitt?", fragt Rabbiner Netanel Wurmser die Schüler der Klasse 2. „Mischpatim", ruft ein Mädchen aus der ersten Reihe. Und dann öffnen alle eine kleine Lehrschrift. „Es geht heute um gerechte Regeln", sagt Wurmser, der neben seinem Amt als Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) auch noch Schulleiter ist. Heute unterrichtet er Mädchen und Jungen im Fach Jüdische Religion. Das Konzept der Schule sieht vor, dass alle Schüler – ob jüdisch oder nichtjüdisch – daran teilnehmen.

„Wenn jemand etwas klaut, ist das gerecht?", fragt der Rabbiner. „Nein!", rufen die Schüler. Was also ist gerecht? „Wenn ich zehn Bonbons habe und jemand anderem fünf versprochen habe, dann muss ich teilen", antwortet Benny. „Und was ist, wenn sich zwei streiten?", fragt Wurmser weiter. „Dann freut sich der Dritte", antwortet ein Junge keck. Alle lachen. Lebhaft, heiter, motivierend ist die Stimmung im Unterricht.

Netanel Wurmser kontrolliert, ob alle die richtige Seite gefunden haben, fordert Kinder zum Lesen auf, lässt Textstellen wiederholen, bittet um verständlicheres Lesen und Sprechen, fordert zum Widerspruch auf. Schließlich ist es mit der Gerechtigkeit nicht ganz so einfach. Verliert ein Mensch unabsichtlich Geld, das von einem anderen gefunden wird, gibt die Tora Auskunft, wem das Geld gehört. „Du bist der Richter", heißt deshalb die Textstelle in der Lehrschrift zum Wochenabschnitt Mischpatim. Später werden die Schüler gemeinsam frühstücken und vor wie nach dem Müsli einen Segensspruch sprechen.

Claudia Mehnert ist Lehrerin an der Jüdischen Grundschule. Die Dreißigjährige ist Nichtjüdin, arbeitete vorher an einer anderen Stuttgarter Schule und hat sich vor zweieinhalb Jahren an der Jüdischen Grundschule Stuttgart „aus Neugier" beworben. Was ist anders? „Alles", antwortet sie lächelnd. Zwar sei der Lehrplan an die Vorgaben des Landes Baden-Württemberg gebunden, doch basiere der Unterricht auf der jüdischen Religion. „Dass das Schulleben mit den religiösen Festen und Regeln so eng verbunden ist, gefällt mir sehr gut", sagt die Lehrerin.

Etwa die Hälfte der Schüler ist jüdisch, die andere nichtjüdisch. Darina Pogil ist Leiterin der Verwaltung der IRGW und als solche die rechte Hand des Landesrabbiners. „Mit unserer Schule tragen wir zur Integration aller Kinder bei, und wir stärken die Identität der Kinder unserer Gemeinde, als Juden in einer nichtjüdischen Welt zu leben", sagt Darina Pogil. 100 Euro pro Monat kostet der Besuch der Jüdischen Grundschule Stuttgart. Ihre Räumlichkeiten befinden sich im Gebäude der IRGW. Als Ganztagsschule bietet die Einrichtung von 7.30 Uhr bis 17.30 Uhr qualifiziertes Lernen und Betreuung an. Für Frühstück und koscheres Mittagessen zahlen die Eltern einen zusätzlichen Betrag von monatlich 65 Euro. Bei Familien, die Hartz-IV-Leistungen beziehen, entfällt das Schulgeld, sie zahlen lediglich die Kosten für das Essen. Zwölf Lehrer unterrichten die 40 Kinder, die Größe der Klassen ist auf 15 Schülerinnen und Schüler beschränkt. Die Religionszugehörigkeit ist nicht das wichtigste Kriterium bei der Einstellung des pädagogischen Personals. „Wir achten auf menschliche Qualitäten und darauf, dass die Lehrer offen für neue pädagogische Konzepte sind", sagt die Leiterin der Verwaltung. Und dass man bisher „sehr, sehr viel Glück" gehabt habe.

„Wir sehen unsere Schule als Bildungs- und Lernstätte mit Laptop und Tora", sagt Schulleiter Wurmser. In den kleinen Klassen könnten die Kinder individuell gefördert werden, die Lehrer bereiteten den Unterricht als Wochenplanarbeit vor, der IT-Unterricht sei ab Klasse 1 integriert, es gäbe monatliche Projekttage, Sport- und Schwimmunterricht für alle Klassenstufen, eine Kunst- und eine Russisch-Arbeitsgemeinschaft, Gymnastik-, Gitarren- und Klavier-AG. Der Religionsunterricht mit zwei Wochenstunden sei für alle genauso verpflichtend wie die wöchentliche Kabbalat-Schabbat, Hebräisch wird als zweite Fremdsprache mit vier Wochenstunden unterrichtet. Jüdische Feiertage werden gemeinsam gefeiert, jüdische Traditionen und Werte in den Alltag eingebunden.

Die Kinder kommen gern in die Schule, und „dass alle Jungs beim Iwrit-Unterricht, im Fach Religion, beim Essen und bei der Kabbalat-Schabbat eine Kippa tragen müssen", sei halt so. Auch Eltern loben die Schule als einen Ort, an dem ihre Kinder „freier als an anderen Schulen" lernen könnten. Im Schuljahr 2011/2012 wollten doppelt so viele Kinder in der Jüdischen Grundschule Stuttgart lernen, wie die Schule aufnehmen konnte. „Wir hätten zwei erste Klassen öffnen können, aber wir haben keinen Platz", sagt Darina Pogil. „Eine Erweiterung ist geplant, aber die kostet Geld", ergänzt Rabbiner Wurmser. „Es drückt an allen Ecken und Enden", sagt er, lobt aber auch die vorbildliche Zusammenarbeit mit dem Oberschulamt, das schulextern eine gut ausgestattete Sporthalle und verlässliche Möglichkeiten für den Schwimmunterricht zur Verfügung stelle.

„Ich bin sehr pragmatisch, wir leben oft von der Hand in den Mund, aber wir träumen trotzdem nicht nur von der Erweiterung der Grundschule, wir träumen auch über das Grundschulsystem hinaus von einer weiterführenden jüdischen Bildung und von einem Internat", sagt Netanel Wurmser. Zur IRGW mit ihren knapp 3.000 Mitgliedern gehört nämlich nicht nur der Standort Stuttgart, sondern auch Nebenstellen, die über Württemberg verteilt sind. „Wir wollen", betont der Landesrabbiner, „allen Mitgliedern unserer Gemeinde jüdische Schulbildung ermöglichen."