12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Königsspiel

Dank der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR ist Schach ein wichtiger Teil des jüdischen Lebens in Deutschland

Von Heinz-Peter Katlewski

„Soll man aktiv werden?“, fragt Wladimir Gurevich im jüdischen Jugendzentrum seine sechs Schüler. Er zeigt auf ein übergroßes Schachfeld, das er an die Wandtafel gelehnt hat, und gibt auch gleich eine erste Antwort: „Natürlich soll man erst alle Varianten durchrechnen und prüfen, ob sie möglich sind.“ Die Schachabteilung des Turn- und Sportvereins Makkabi in Frankfurt am Main hat sich für die Kleinsten einen wirklichen Experten geholt. Gurevich hatte es in der Ukraine zum Schachgroßmeister gebracht und lehrte dort 20 Jahre lang an einer Jugendschachschule. Heute trainiert er auch die deutsche Makkabi-Nationalmannschaft im Schach.

Gurevich fordert die Kleinen und hat sie schon zu ersten Erfolgen geführt. Einer seiner Schützlinge ist gerade Hessen-Meister seiner Altersklasse U 8 geworden. Die U 12 Mannschaft der älteren Kinder hat für den Makkabi-Verein vor zwei Jahren den Pokal bei den deutschen Vereinsmeisterschaften geholt. Ähnliche Meriten haben sich auch die U 12 Schachsportler von Makkabi-Berlin verdient.

Schach ist in Deutschland in fast jeder jüdischen Gemeinde vertreten und wird allein bei Makkabi von rund 2.000 zumeist älteren, zum Teil aber auch von jungen Aktiven betrieben, sei es informell, sei es über eine Makkabi-Schachabteilung. 25 der 36 Ortsvereine des jüdischen Sportclubs bieten das Spiel an. Vor einem Jahr hat das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben sogar eine besondere Ausstellung zum Thema präsentiert. Ihr Titel: „Mitgebracht – Schach bei den Augsburger Juden“.

Der 2001 gegründete Amateur-Schachclub der Israelitischen Kultusgemeinde geht auf die Initiative von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zurück. Mittlerweile ist er in den jüdischen Gemeinden Bayerns, aber auch bei den Augsburger Schachvereinen für sein alljährliches Schnellschachturnier zum Purimfest bekannt. Schach, wird der 1958 in Odessa geborene Mark Albeker im Ausstellungskatalog zitiert, habe ihm geholfen, in Augsburg Fuß zu fassen, die Sprache zu lernen und Freundschaften zu schließen. Isaak Urbach, Gründer und Leiter des Augsburger Clubs, erinnert sich, dass er seine ersten Schachfiguren mit seinem Vater aus Nähgarnrollen und Karton gebaut hat. Für den heute 75 Jahre alten Geophysiker ist das Spiel zum Hobby geworden: „Im Schach habe ich mich in Deutschland verwirklicht“, betont er. Beide, Albeker und Urbach, spielen auch außerhalb der jüdischen Gemeinde im Verein.

Das Schachspiel habe ihm in Deutschland sehr geholfen, sagt Zakhar Shcherbatov beim Besuch der Freizeitschachgruppe, die sich einmal pro Woche im Stadtteilbegegnungszentrum Porz der Kölner Synagogen-Gemeinde trifft. Shcherbatov ist mit 56 Jahren der Jüngste hier. Wie viele andere Zuwanderer, hat es der gelernte Ingenieur es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht leicht. Beim Schach dagegen kann er zeigen, was in ihm steckt. Auch er spielt noch Turnierschach im Verein. Amüsiert erzählt er, dass die Deutschen in jüngster Zeit im Mannschaftsschach Europameister geworden seien, während Russland auf Platz fünf abgeschlagen sei. Das läge daran, dass „wir“ jetzt in Deutschland seien.

Schach sei in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Fußball die populärste Sportart gewesen, unter den Juden habe es als ihr Nationalsport gegolten, erklärt Gurevich. Yuli Lerner, studierter Pädagoge und Mitglied der Kölner Schach-Seniorengruppe meint, dass Juden in der UdSSR beim Schach als einem der wenigen Bereiche des öffentlichen Lebens gleichberechtigt waren. Musiker, Künstler und Schachspieler hätten nämlich das verkörpert, was die sozialistische Gesellschaft insgesamt von der kapitalistischen Welt unterscheiden sollte: Rationalität und Kreativität zum Wohle aller. In der Runde erinnert man sich an den Spruch, Schach sei Gymnastik für das Gehirn. Es wurde damals auf vielfältige Weise gefördert. Aber warum waren gerade Juden so erfolgreich und stellten sogar mehrere Weltmeister? Stella Shcherbatova, die Leiterin des Begegnungszentrums, hat ihre eigene Theorie. Im Schtetl habe das Tora-Lernen die Menschen intellektuell gefordert. Von bestimmten halachischen Entscheidungen abgesehen, berge die Tora viele Möglichkeiten zum Fragen, ohne dass endgültige Antworten nötig seien. Unter der Sowjetmacht sei das Tora-Lernen gefährlich geworden, das einmal geweckte intellektuelle Potenzial aber nicht verschwunden. So habe das Schach-Lernen das Tora-Lernen ersetzt.

Vor 1933 war Schach auch unter deutschen Juden sehr populär. Zum Augsburger Schachclub gehörten Ende des 19. Jahrhunderts mindestens sieben Juden als aktive Spieler, hat die Kuratorin der Augsburger Ausstellung, Souzana Hazan, herausgefunden. Der Bankier Emil Gutmann zum Beispiel engagierte sich sowohl für die Gemeinde als auch für den Schachverein.
Juden hatten seit dem Mittelalter einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung des Spiels in Europa. Dem sephardischen Gelehrten Abraham ibn Esra (1092 – 1167) wird ein Gedicht zugeschrieben, das als die älteste Schachregel Europas gilt. Er beschreibt das Spiel als eine Schlacht der Gedanken für Männer von Einsicht und Verstand. Heute spielen immer mehr Frauen mit, auch in den jüdischen Gemeinden.
Die wichtigste Herausforderung ist es aber, noch mehr junge Menschen für den Sport zu gewinnen, damit der Schach-Boom ein wichtiger Teil des jüdischen Lebens bleiben kann. In Berlin und Frankfurt hatte man mit systematischer Jugendarbeit Erfolg. In Düsseldorf versuc ht Makkabi deshalb über das Nachmittagsprogramm der Jüdischen Grundschule ein junges Team aufzubauen. Geleitet wird es von Alexander Radbil. Er kommt ursprünglich aus Winnitza in der Ukraine. Schach hat er dort mit neun Jahren von seinem Vater gelernt. 1997 ist er mit seiner ganzen Familie, auch Eltern und Schwiegereltern, nach Deutschland gekommen. Nun hofft er, sein Wissen erfolgreich an Kinder weiterzugeben. Er ist optimistisch: „Sie machen hier ihre ersten Züge. Wenn sie einmal angefangen haben, spielen sie für den Rest ihres Lebens.“