12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Hetze gegen Israel

Günter Grass verharmlost iranischen Atomwaffenbau und verunglimpft den jüdischen Staat

Anfang April hat der Schriftsteller Günter Grass durch ein gegen Israel gerichtetes und die iranischen Atomwaffenpläne verharmlosendes Gedicht für einen Eklat gesorgt. In dem von mehreren internationalen Zeitungen veröffentlichten Gedicht beschuldigte Grass Israel, einen „Erstschlag" zu planen, mit dem es das iranische Volk „auslöschen" wolle. Die „Atommacht Israel", so Grass, stelle eine Bedrohung für den Weltfrieden dar. Dagegen erwähnte er mit keinem Wort die vom iranischen Regime wiederholt ausgestoßenen Drohungen, Israel zu vernichten. Vielmehr beschwichtigte er, der Bau einer Atombombe im Iran werde lediglich „vermutet". Grass kritisierte auch die „zur Wiedergutmachung deklarierte" Lieferung deutscher U-Boote an Israel, da diese „allesvernichtende Sprengköpfe" abfeuern könnten.
Grass' in literarische Form gekleideter Ausfall hat in der jüdischen Gemeinschaft wie in weiten Kreisen der deutschen Öffentlichkeit für Empörung gesorgt. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, bezeichnete das Gedicht als ein „aggressives Pamphlet der Agitation". Der Text sei unverantwortlich und stelle eine Verdrehung der Tatsachen dar. Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden. Das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. Es sei traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort melde und Israel dämonisiere. „Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik", resümierte der Zentralratspräsident.
Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, erklärte: „Günter Grass hat sich mit seinem Text auf das Feld wohlfeilen Moralgezeters begeben. Selbst ohne Antisemitismus zu unterstellen, gegen den sich Grass in dem ,Gedicht' selbstherrlich verwahrt, kann man doch angesichts solch plumper, primitiver Rhetorik nur staunen – und sich ärgern."
Regierungssprecher Steffen Seibert zog es vor, mit Ironie zu reagieren. In Deutschland gelte nicht nur die Freiheit der Kunst, sondern glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen, sagte Seibert in Berlin. Kanzlerin Angela Merkel hatte 2006 klargestellt, Grass und sie hätten „sehr unterschiedliche Einschätzungen der deutschen Geschichte". In diesem Zusammenhang, so der Regierungssprecher, gebe es „nichts Neues zum Verhältnis der Bundeskanzlerin zu Person und Werk von Günter Grass" mitzuteilen.
Dagegen bezog Bundesaußenminister Guido Westerwelle mit Nachdruck Stellung gegen Grass' Werk. In einem Kommentar für die „Bild-Zeitung" schrieb Westerwelle: „Iran hat das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie. Es hat nicht das Recht auf atomare Bewaffnung. Wer die davon ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigert sich der Realität." Westerwelle betonte nicht nur Deutschlands historische Verantwortung für die Menschen in Israel, sondern auch die Wertepartnerschaft zwischen Deutschland und Israel als der einzigen wirklich funktionierenden Demokratie in Nahost. „Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen", resümierte Westerwelle, „ist nicht geistreich, sondern absurd."
Deutlich reagierte auch die israelische Politik. „Die beschämende Gleichsetzung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und Israel zu vernichten droht, sagt wenig über Israel und viel über Herrn Grass aus", erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Stellungnahme zu dem Gedicht. Netanjahu erinnerte daran, dass Grass seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS sechs Jahrzehnte lang verschwiegen habe. Deshalb sei es vielleicht nicht überraschend, dass er den einzigen jüdischen Staat der Welt zur größten Bedrohung des Weltfriedens erkläre und Israel die Mittel zur Selbstverteidigung verweigern möchte. Außenminister Avigdor Lieberman wertete das Gedicht als einen Ausdruck des Zynismus einiger westlicher Intellektueller, die bereit seien, die jüdische Nation ein zweites Mal auf dem Altar wahnsinniger Antisemiten zu opfern.
Ungewollt lenkte der israelische Innenminister Eli Jischai teilweise von der Kritik an Grass ab, indem er den Schriftsteller zur Persona non grata erklärte. Offiziell begründete das Innenministerium in Jerusalem das Einreiseverbot mit dem Umstand, Grass habe die SS-Uniform getragen – ein nach israelischem Recht triftiger Grund, der freilich bereits seit 2006 allgemein bekannt ist. In Deutschland haben auch Grass-Kritiker Jischais Beschluss als überzogen kritisiert. In Israel musste sich der Ressortchef von Gegnern im liberalen Teil des politischen Spektrums auch vorwerfen lassen, Israel aus innenpolitischen Erwägungen geschadet zu haben. Grass selbst nutzte Jischais Entscheidung, um sich in die Opferrolle zu setzen und nahm sie zum Anlass für weitere Kritik an Israel. Das Einreiseverbot, so der Schriftsteller in einer Entgegnung, sei eine in Diktaturen übliche Praxis. Jischais Tonfall erinnere ihn an den ehemaligen DDR-Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke. Wie es scheint, ist die Affäre Grass noch lange nicht ausgestanden.
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