12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Lust auf koscher

Beim ersten Koscher Fest Deutschlands konnten sich die Besucher informieren – und natürlich auch probieren

Von Alice Lanzke

Ein warmes Brutzeln liegt in der Luft: Dampfend liegen die heißen Hähnchenrouladen auf den Herdplatten, bevor sie ihren Platz auf einem Bett aus Kartoffelsalat finden, gekrönt von einer Haube aus weißem Tomatenschaum. Das Ensemble riecht nicht nur lecker – es schmeckt auch so. Kein Wunder also, dass die Besucher des ersten deutschen Koscher Fests Schlange stehen, um einen Teller zu ergattern – und das umso mehr, da das Essen von einem Spitzenkoch des Nobelhotels Ritz Carlton Berlin zubereitet wurde.

Das Koscher Fest, eine Mischung aus Feier und Produktmesse, wurde von Chabad Lubawitsch am 25. März organisiert. Hunderte Interessierte strömten in das Berliner Bildungs-zentrum der Organisation, um sich über koschere Lebensmittel zu informieren, im Angebot der über 20 Aussteller zu stöbern und natürlich auch zu probieren. Daneben wurden Vorträge über Themen wie „Koscher in der eigenen Küche – ein Leitfaden zum Aufbau eines koscheren Haushaltes“ oder „Koschere Ernährung außer Haus“ geboten.
Für Chabad-Rabbiner Yehuda Teichtal war das Fest eine Gelegenheit, um deutlich zu machen, dass das jüdische Leben in Deutschland wachse. „Ein Teil dieses jüdischen Lebens ist kulinarisch: Essen bringt Menschen zusammen“, betonte er. Viele Menschen wüssten gar nicht genau, was koscher bedeute, oder glaubten, dass es schwierig sei, sich koscher zu ernähren. Ein Irrtum, wie Bella Zchwiraschwili meinte, die die Veranstaltung in gerade einmal sechs Wochen organisiert hatte: „Wir wollen den Menschen hier in der Stadt zeigen, dass es einfach ist, koscher zu leben.“ Zudem solle auf die wachsende Produktpalette aufmerksam gemacht werden. „Koscher ist nicht nur traditionelles Essen wie etwa gefillte Fisch, sondern die Speisen sind mittlerweile sehr vielfältig“, so Zchwiraschwili.
Tatsächlich war das Angebot der Aussteller riesig: von koscheren Gummibärchen über koscheres Mehl, koschere Brote, Wurst- und Käsewaren bis hin zu Wein, Bier und Säften. Selbst koscherer Kaviar war im Angebot. Bei etlichen Waren hatten die Besucher vorher gar keine Ahnung, dass diese koscher sind – so etwa bei Kaffee und Schokoladensorten des Lebens­mittelkonzerns Kraft Food. Sogar dessen Verkaufsleiter Marcus Gräbner wusste bis kurz vor der Messe nicht, wie viele Produkte seines Arbeitsgebers in die Kategorie koscher fallen. „Ich war völlig überrascht, finde es aber eine spannende Sache“, bekannte der Manager.
Die koscheren Produkte werden auch für Nichtjuden immer reizvoller. „Gerade in unserer heutigen Zeit hört man doch ständig von furchtbaren Lebensmittelskandalen“, erklärte eine ältere Besucherin. „Da finde ich koschere Sachen mit ihren stärkeren Kontrollen eine schöne Alternative.“ Allerdings bedeuten die strengeren Kontrollen und die allgemein aufwändigere Herstellungsweise auch höhere Preise. Rabbiner Teichtal hofft, dass eine ver-stärkte Nachfrage Einfluss auf den Preis nimmt. „Mehr koscher bringt mehr koscher“, erklärte er bei der Veranstaltung.
Tatsächlich scheint es in letzter Zeit einen kleinen Boom um koschere Lebensmittel zu geben. Übereinstimmend erzählten mehrere Aussteller von einem gesteigerten Interesse an ihren Waren. „Wir werden immer stärker angefragt, zum Beispiel von Supermärkten oder Kaufhäusern“, erklärte etwa Weinimporteur Johannes Zohner-Nassi. „Das war vor zehn Jahren noch nicht so.“
Am Ende des Tages zeigten sich die Veranstalter zufrieden mit dem ersten deutschen Koscher Fest. „Die Atmosphäre war sehr gut und sehr multikulturell“, bilanzierte Bella Zchwiraschwili. Auch für das kommende Jahr, erzählte sie, gebe es schon Pläne: Dann solle aus dem Koscher Fest eine umfassende Messe an einem größeren Standort werden.