12. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2012 | 5. Ijar 5772

Der zweite Sieg

Jüdische Soldaten des Zweiten Weltkrieges trugen entscheidend zu Israels Überleben im Unabhängigkeitskrieg bei.

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 4
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 4

Als der Zweite Weltkrieg in Europa in der Nacht zum 9. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des „Dritten Reiches“ und am 2. September mit der Kapitulation Japans in Fernost zu Ende ging, konnten jüdische Kämpfer mit Stolz auf ihren Beitrag zur Niederringung der Achsenmächte zurückblicken. Anderthalb Millionen Juden hatten als Soldaten der alliierten Armeen, als Partisanen und als Untergrundkämpfer am Krieg gegen den Nazismus und dessen Verbündete teilgenommen. Allerdings war ihre historische Rolle damit nicht beendet. Nur drei Jahre später standen Zehntausende von ihnen wieder in einem Entscheidungskampf – als Soldaten der israelischen Armee. Sie kamen aus einer Vielzahl von Ländern. So hatte die jüdische Bevölkerung des Mandatsgebiets Palästina in den Jahren 1939 bis 1945 rund 40.000 Freiwillige in den Krieg entsandt. Sie hatten teils als Soldaten regulärer britischer Truppen, teils in separaten Palästina-Einheiten gedient. Ein Großteil der Weltkriegs-Freiwilligen stand im Unabhängigkeitskrieg unter Waffen.
Eine weitere Gruppe waren Weltkriegsveteranen aus der Diaspora, die zwischen 1945 und 1948 eingewandert waren und nach Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges als Israelis einberufen wurden. Ihre Zahl wurde bis zur Staatsgründung durch die immigrationsfeindliche Politik der britischen Regierung stark begrenzt, doch hatten mehrere Tausend Kämpfer ihren Weg nach Israel gefunden. Ab Mai 1948 kamen weitere Einwanderer aus Europa und aus den britischen Internierungslagern auf Zypern nach Israel. Unter ihnen befanden sich auch ehemalige Soldaten und Partisanen aus Europa. Sowjetbürgern war die Ausreise aus dem „Land der Räte“ bekanntlich verboten. Daher konnten nur solche Ex-Rotarmisten nach Israel einwandern, die nach dem Krieg als polnische Bürger die Sowjetunion verlassen durften. Trotz solcher Hindernisse waren europäische Immigranten eine wichtige Verstärkung für die israelische Armee. Bei weiteren Verteidigern des neuen Staates handelte es sich um Freiwillige aus dem Ausland. Sofort nach dem arabischen Überfall im Mai 1948 eilten jüdische Weltkriegsveteranen hauptsächlich aus den USA und Großbritannien, aber auch aus anderen Ländern Israel zu Hilfe. Auf dem Höhepunkt erreichte die Zahl der Auslandsfreiwilligen 30.000. Das entsprach 27 Prozent des Gesamtbestandes der israelischen Armee von 110.000 Soldaten. Zusammen mit den israelischen Weltkriegsveteranen lässt sich die Zahl ehemaliger alliierter Armeeangehöriger in den Reihen der israelischen Streitkräfte auf mindestens die Hälfte schätzen.
Diese Verstärkung war nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Die jüdischen Militärorganisationen im britischen Mandatsgebiet hatten sich auf den Schutz jüdischer Ortschaften vor den Angriffen arabischer Nachbarn sowie auf Operationen gegen arabische Milizen und später auch auf die Abwehr britischer Repressalien spezialisiert. Groß angelegte Kriegführung war aber nicht ihre starke Seite.
Just an dieser Stelle war das militärische Wissen der Weltkriegsveteranen unersetzlich. Soldaten, die auf den Kriegsschauplätzen Europas, Nordafrikas oder des Fernen Ostens umfassende Erfahrungen gesammelt hatten, brachten ihr Können in den Unabhängigkeitskrieg ein. Sie waren mit den modernsten Waffensystemen und deren Bedienung vertraut, hatten zum Teil als Kommandeure Großverbände befehligt und wussten, wie das Nachschub- und das Fernmeldewesen einer Armee aufzubauen waren. Bei der frischgebackenen Luftwaffe war die Dominanz der Auslandsfreiwilligen so groß, dass Hebräisch vom Englischen als Verkehrssprache weitgehend verdrängt wurde.
Als im Januar 1949 die Waffen schwiegen, hatte die israelische Armee die Angreifer zurückgeworfen und ihre eigenen Positionen ausgebaut. Ohne die Soldaten des Zweiten Weltkrieges wäre das Ergebnis so nicht erzielt worden. Ihrer Leistung kommt daher tiefe historische Bedeutung zu. Der Sieg war aber auch ein seelischer Befreiungsschlag. In den Jahren 1939 bis 1945 hatten jüdische Soldaten mutig gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Dennoch war die Niederringung des „Dritten Reiches“ für sechs Millionen Juden zu spät gekommen: Sie waren dem Mordwahn der Nazis zum Opfer gefallen. Dagegen gelang es jüdischen Soldaten im Unabhängigkeitskrieg dank ihres im Kampf gegen die Nazis gesammelten Könnens, Israel zu verteidigen, Hunderttausende von Juden vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren und den Weg in eine neue jüdische Zukunft zu bahnen. Das ist ihr bleibendes Verdienst, das wir auch und gerade am Tag des Sieges über das „Dritte Reich“ würdigen sollten.
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