16.04.2012

„Judenfeindliche Klischees ohne Ende“

Mit seinem Israel-Gedicht transportiert Günter Grass eine üble Gesinnung. Er benutzt Begriffe aus dem Nazijargon. Damit demontiert und demaskiert sich der Nobelpreisträger selbst.

Antwort auf Günter Grass | Handelsblatt | 05.04.2012 | von Dr. Dieter Graumann

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Das wusste schon Paul Klee. Und was hier sichtbar wird über Günter Grass, ist so hässlich und wäre doch besser unsichtbar geblieben.

Denn auch mit dem Abstand von einem Tag, auch mit der Chance, sich etwas abkühlen zu können, bleibt dann doch der Zorn über sein „Gedicht" ja: er verstärkt sich sogar. Empörungsroutine? Sicher nicht. Wohl aber reines Entsetzen.

Auf weinerliche Weise lamentiert Grass, ihm drohten nun „Strafe" und ein „Verdikt". Erwartet er nun etwa eine Tapferkeitsmedaille? Die Behauptung, wir würden mit der „Antisemitismuskeule schwingen" und damit jede Kritik abkanzeln wollen, lässt grüßen. Grass macht den Walser. Sicher, der Vorwurf von Antisemitismus wiegt schwer. Und zu häufig, gar inflationär benutzt, würde er seine Wirkung rasch verlieren, gerade dann, wenn er vielleicht ganz besonders passend wäre. Ein sparsamer Umgang empfiehlt sich deshalb.

Und dennoch, hier sind klare Worte angebracht. Denn: Wer antisemitisch agitiert, wer judenfeindlich argumentiert, wer antisemitische Klischees zuhauf verwendet – was wäre der denn anderes als ein Antisemit?

Das „Gedicht" ist gar keines, sondern ein Pamphlet von Hass und Hetze. Ist etwas schon ein „Gedicht", nur weil der Autor es „Gedicht" nennt? Und wäre es damit schon sozusagen resistent und immunisiert gemacht gegen fällige Kritik? Aber: Was ist schon ein Name? Was uns Antisemitismus heißt, wie es auch hieße, würde übel duften. Das Etikett von Lyrik wird hier jedenfalls missbraucht, um eine üble Gesinnung zu transportieren.

Geschrieben mit „letzter Tinte"? Dramaturgie und Wehleidigkeit pur. Handelt es sich demnach um DAS literarische Erbe des Nobelpreisträgers? Wie schade wäre das doch angesichts der Meisterwerke, die Grass wirklich schrieb! Hier allerdings finden wir ein Vermächtnis von Verdrehung, von Verlogenheit und von Verirrung, bestückt mit judenfeindlichen Klischees ohne Ende.

Man kann es lange und gründlich analysieren, und es genügen doch einige wichtige Punkte: Schon alleine der Titel und der Anfang. „Was gesagt werden muss". Es ist die Formel, mit der gewohnheitsmäßig Antisemiten von jeher ihre judenfeindlichen Stammtischreden zu beginnen pflegen.

Was gesagt werden muss, ist, dass es besser ungesagt geblieben wäre. Diese so vermeintlich schwere Last, die daraus besteht, Israel angeblich sogar nicht einmal beim Namen nennen zu dürfen, scheint den Autor geradezu zu erdrücken. Günter Grass, die arme geschundene Seele, hat sich offenbar unter heftigsten Schmerzen gewunden und sich allzu lange verkrampft zurückhalten müssen, sein ganzes Leben lang.

"Iran wird auf groteske Weise verharmlost"

Er unterstellt, dass Juden in Deutschland das Meinungsklima derart dominieren würden, ja: vergiften, dass die „Wahrheit" nicht hätte gesagt werden dürfen. Ja, Grass wurde offenbar zur Lüge gezwungen – der jüdische Meinungsterror hat ihn geknebelt, die jüdischen Manipulatoren haben offenbar den armen Künstler immerzu „belastet". Von einem, der sich jahrzehntelang besonders frei und laut und lärmend zu äußern pflegte, ein mehr als absurder Vorhalt. Und auf geradezu klassisches Weise antisemitisch natürlich obendrein.

Dann der Begriff von „auslöschen" - genau dem Nazijargon entnommen. Israel beabsichtige also einen Vernichtungskrieg gegen das iranische Volk zu führen. Haben wir hier denn etwas verpasst? Wann hätten jemals israelische Politiker, und seien es die radikalsten, die Vernichtung des Irans gefordert? Vielmehr ist es doch der Iran, der Israel wortwörtlich „von der Landkarte tilgen" will. Iranische Politiker, Geistliche und Funktionsträger haben zuhauf immer wieder die „Auslöschung des Krebsgeschwürs Israel" angekündigt. Keineswegs also nur der hier so verniedlicht dargestellte iranische Präsident, der „Maulheld" Ahmadinedschad.

Dass er und das verlogene Mullah-Regime zudem öffentlich immer wieder den Holocaust leugnen und die größten Financiers von Terrorismus weltweit sind, scheint Herrn Grass auch nicht weiter zu stören. Ein Terrorismus, der sich übrigens nicht nur gegen Israel und alle Juden überhaupt, sondern auch gegen den, wie er es nennt, „heuchelnden" Westen richtet.

Der Iran wird hier auf eine geradezu groteske Weise verharmlost, ein Terror-Regime das blutrünstig ist und brutal, das seine eigene Bevölkerung unterdrückt. Menschenrechtsverletzungen schlimmster Art gehören dort zur Tagesordnung: Hinrichtungen wegen Konversion zum Christentum, Folter von Oppositionellen, Steinigung von Frauen wegen Ehebruch.

Welches Zeichen gibt das lyrische Werk von Günter Grass denn eigentlich den Familien der Studenten, die in ihrem Streben nach Freiheit und Demokratie, von der iranischen Miliz nach den Präsidentschaftswahlen 2009 ermordet wurden? Welches Signal sendet es an diejenigen, die heute im Iran, gefangen in einem Dunstkreis von Zensur und Überwachung, verzweifelt für ein freies Land kämpfen?

"Das Ressentiment regiert"

Das iranische Regime, das seine Bevölkerung terrorisiert, das nach internationalen Berichten offensichtlich eine Atombombe anstrebt und offen die Zerstörung Israels propagiert, ist für Grass aber gar nicht das Problem. Nein, das Problem ist laut Günter Grass ganz alleine der jüdische Staat. Was hat es bloß auf sich mit dieser Obsession mit dem jüdischen Staat? Eine Obsession, die die Realität verkennt und sich zu Vorurteilen bekennt.

Israel, die einzige Demokratie der Region, das einzige Land in dem auch Minderheiten Ihre Rechte ausleben können, der Staat, der unsere westlichen Werte tagein tagaus verteidigt unter ständigem Beschuss und Terrorangst, dieses Land wird dämonisiert und denunziert in einer Art, wie sie einfach unerträglich ist. Israel wird ganz wissentlich zum „Juden" unter den Staaten gemacht, weil es den „Weltfrieden gefährde" und „Verursacher der erkennbaren Gefahr" sei – die Lüge triumphiert.

Günter Grass, offenbar doch „gealtert", geprägt und gepeinigt von seiner Vergangenheit, spielt sich hier auf als ein selbst ernannter Bewährungshelfer, der meint, nun ganz besonders streng darauf aufpassen zu müssen, dass sich die Nachfahren der Opfer auch möglichst gut benehmen.

Fazit: Hier musste offenbar heraus, was herauskommen musste. ES musste aus Günter Grass herausbrechen. Das Ressentiment regiert. Und man stellt fest: Günter Grass hatte seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS jahrzehntelang geleugnet und vertuscht. Ich selbst hatte ihn damals dafür zunächst sogar verteidigt.

Nun stelle ich aber fest: Günter Grass hat zwar die Waffen-SS verlassen. Aber offenbar hat die Judenfeindschaft der Waffen-SS Günter Grass doch niemals verlassen. Spät bricht heraus, was sich Bahn brechen muss. Ein großartiger Autor demontiert und demaskiert sich selbst. Schade, die Maske, die Fassade waren uns so viel lieber.

Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland