12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Mach dir ein Bildnis

Neues Buch stellt fünfzig führende jüdische Künstler dar

Von Franziska Werners

„50 jüdische Künstler, die man kennen sollte“ lautet der 13. Titel der „Reihe 50“, mit welcher der Prestel Verlag – bekannt und preisgekrönt für seine liebevoll und aufwändig gestalteten Bücher zu Kunst, Kunstgeschichte und Kultur – im Herbst 2011 herauskam. Zusammengestellt und kommentiert wurde diese Präsentation der wichtigsten jüdischen Künstlerinnen und Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts von dem Rabbiner und Kunsthistoriker Edward van Voolen. Van Voolen, derzeit im Direktorium des Abraham-Geiger-Kollegs Potsdam für die praktische Rabbinerausbildung in Liturgie und Predigt zuständig und zugleich Kurator am Joods Historisch Museum in Amsterdam, hat bereits zahlreiche Bücher zu jüdischer Religion und Kunst verfasst. Ebenfalls im Prestel Verlag war 2006 seine Überblicksdarstellung über zweitausend Jahre „Jüdische Kunst und Kultur“ von der Antike bis zur Gegenwart erschienen.
In der jetzt vorgelegten Übersicht konzentriert sich der Autor auf die letzten zwei Jahrhunderte und folgt chronologisch – beginnend im Jahr 1800, dem Geburtsjahr des deutsch-jüdischen Malers Moritz Daniel Oppenheim – bis in die Gegenwart den Spuren jüdischer Künstlerinnen und Künstler in Europa, Israel, den USA und Afrika. Dabei sind Künstler des 20. Jahrhunderts bei Weitem stärker als ihre Vorgänger des 19. Jahrhunderts vertreten. Das entspricht der historischen Entwicklung. Die späte Beteiligung von Juden an den bildenden Künsten erklärt van Voolen im Vorwort mit einem Verweis auf das Zweite Gebot: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“
Genau genommen, führt van Voolen aus, betreffe das Verbot nur die Herstellung und Bewunderung von Götzenbildern, nicht aber die Schöpfung von Bild- oder Kunstwerken an sich. Sowohl bei der Gestaltung des Tempels als auch in den Synagogen hätten Kunstwerke stets eine wichtige Rolle gespielt. Dennoch könne erst mit der Emanzipation des Judentums im 19. Jahrhundert wirklich von einer freien jüdisch-künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit die Rede sein. Neben Oppenheim in Deutschland gehören unter anderem Solomon Alexander Hart in England und Jozef Israëls in den Niederlanden zur ersten Phase, in der sich das schöpferische Potenzial der Juden auf dem Gebiet der Kunst zu entfalten begann.
Die im Buch präsentierten Werke lassen erahnen, wie Judentum und jüdische Traditionen die Sichtweise der porträtierten Künstlerinnen und Künstler beeinflussten beziehungsweise bis heute beeinflussen. Dabei redet van Voolen keiner „typisch“ jüdischen Kunst das Wort, die es für ihn genauso wenig gibt „wie einen typisch christlichen, muslimischen, amerikanischen, deutschen oder israelischen Kunststil“. Der Band präsentiert zentrale Werke von 50 Malern, Bildhauern, Designern und Objektkünstlern der letzten beiden Jahrhunderte. Auffällig ist, dass ein knappes Drittel von ihnen aus den USA stammt, darunter der Expressionist Barnett Newman und der Happening-Künstler Jim Dine. Zehn Meister haben ihre Ursprünge in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, etwa Marc Chagall und Jacques Lipschitz. Die drittgrößte Gruppe stellen die Israelis, zum Beispiel die Bildhauer Dani Karavan und Menashe Kadishman. Mitunter überrascht die Auswahl, wenn man etwa den eher als Komponisten bekannten Arnold Schönberg (1874–1951) unter den Malern findet, nicht aber einen mehrfach ausgezeichneten Cartoonisten wie Art Spiegelman oder den Architekten Daniel Libeskind. Auch sind Frauen mit gerade einmal sieben Porträts eher unterrepräsentiert.
Trotz solcher Einwände hat die Publikation unbestreitbare Qualitäten und besticht durch ihre überwiegend farbigen Abbildungen und die informativen Begleittexte. Van Voolen liefert nicht nur rein kunsthistorische Erläuterungen, sondern hebt spezifisch jüdische Details im Bild oder Objekt hervor und stellt Bezüge zur jüdischen Tradition und zu den Biografien der Künstler her. Die in den Kopfzeilen auf jeder Seite mitlaufenden Zeitachsen mit Angaben zu politischen Ereignissen oder Zeitgenossen ermöglichen eine Einordnung in den gesamthistorischen Kontext. So liefert dieser neue Band der Prestel-„Reihe 50“ eine wichtige Einstiegshilfe für alle, die Kunst einmal unter dem Aspekt „jüdisch“ kennenlernen wollen.

Edward van Voolen
50 jüdische Künstler, die man kennen sollte
München 2011, Prestel
160 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 30 schwarz-weiße Abbildungen
ISBN 978-3-7913-4572-7