12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Stimmen der Vielfalt

Festival israelischer Musik in Hamburg

Von Heike Linde-Lembke
Im Februar fand in Hamburg ein nicht alltägliches musikalisches Ereignis statt. Gleich 14 Konzerte israelischer Sänger standen auf dem Programm des Festivals „Sounds of Israel“. Veranstalter war die Hamburger Elbphilharmonie, die die israelischen Gäste auf mehreren Bühnen um die Präsentation ihrer Kunst bat.
„Israel“, so der Geschäftsführer der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter, „ist nicht nur die Heimat dreier Weltreligionen und der Schauplatz des Nahost-Konflikts.“ Hinter der vordergründigen, politischen Bericht­erstattung in den Medien befinde sich ein faszinierender Schmelztiegel orientalischer Tradition und westlich orientierten Lebensstils. Israels musikalische Vielfalt zu zeigen und seine jungen, innovativen Künstler vorzustellen, war denn auch ein erklärtes Ziel des Festivals. Ein weiterer Schwerpunkt des Programms waren Workshops der Israelis an Hamburger Schulen.
Auf die in Deutschland bei Juden wie Nichtjuden beliebte Klezmer-Musik wurde bei dem Festival bewusst verzichtet. Gewiss: Auch die in Hamburg gebotene Musik basiert auf jüdischen Motiven, doch stand diesmal ein anderes, neues Selbstverständnis israelischer Musik im Vordergrund. Deutlich thematisiert wurden dabei auch die Einflüsse arabischer und palästinensischer Musikerinnen und Musiker.
Und weil Israel ein durch und durch politisiertes Land ist, fehlte neben hochklassiger Musik auch nicht eine Dosis Politik. „Ich singe Lieder aus dem hoffnungsvollen, dem säkularen Israel“, erklärte Achinoam Nini, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Noa, bei der Eröffnung des Festivals. Ganz in diesem Geiste widmete sie ihr Konzert ihrer jemenitischen Großmutter und allen Frauen, „die unter der Strenge der Religion litten und leiden“.
Eine andere ausdrucksstarke Stimme in Hamburg war Avishai Cohen. Der begnadete Jazzer steht ganz in der Tradition jüdischer Jazzmusiker und trat im St. Pauli Theater auf – der ältesten Bühne der Elbmetropole, die in den Jahren 1884 bis 1918 von dem Hamburger Juden Ernst Drucker von Erfolg zu Erfolg geführt worden war. Avishai Cohens Jazz, seine Arrangements, seine Musik sind vielfarbig, sinnlich, unbändig, faszinieren durch Reife und Tiefgang.
Auch Idan Raichels Musik basiert auf dem jüdischen Glauben. Zugleich strebt Raichel die Versöhnung mit den arabischen Bürgern und Nachbarn Israels an. Er bringt arabischen Gipsy ebenso wie die Musik der Beduinen und die Klänge der israelischen Straße zu Gehör. Geprägt war das Raichel-Konzert in der Hamburger Laeiszhalle durch die Begeisterung Hamburger Schülerinnen und Schüler, mit denen Raichel einen Workshop durchgeführt hatte.
Gelebte Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern brachte das heute in Berlin lebende Duo Amal auf die Bühne der Hamburger Jugendmusikschule. Die Pianisten Yaron Kohlberg und Bishara Haroni zog es aus Tel Aviv nach Deutschland, „weil wir hier nicht ständig angesprochen werden, warum wir mit einem Palästinenser, einem Israeli Musik machen“, sagten die Musiker, die auch ein Werk des israelischen Komponisten Matan Porat uraufführten. Porat und die Interpreten an zwei Flügeln berührten die Herzen der Zuhörer.
Fazit: Das Festival hat der Schubladen-Sortierung in jüdisch-europäische oder jüdisch-israelische Musik eine Absage erteilt und bewiesen, welche Faszination von der neuen israelischen Klangwelt ausgeht. Es zeigte die neue Generation Israels, eine humorvolle und kritische Generation, eine Generation mit einer ureigenen Musik.