12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Gutes Beispiel

Israel hat vor 27 Jahren vorexerziert, wie eine marode Wirtschaft saniert werden kann

Über kaum eine Wirtschaftskrise ist in der Welt jemals so intensiv wie über das ökonomische Debakel Griechenlands debattiert und gestritten worden. Kaum ein Experte, der sich nicht zu der tiefen Misere der griechischen Volkswirtschaft geäußert, keine Zeitung, die ihre Leser nicht mit Nachrichten und Horrorszenarien – bis hin zum Zerfall des Euro-Raums und einer weltweiten Rezession – traktiert hat. Und immer wieder wird über die Chancen einer ökonomischen Genesung Hellas‛ spekuliert. Auch und gerade in Deutschland hängen Menschen und Medien am Nachrichtenstrom aus Athen. Die Sorgen sind verständlich. Nicht nur leistet Deutschland einen entscheidenden Beitrag zu der versuchten Rettung der griechischen Wirtschaft, vielmehr hängt der deutsche Wohlstand in erheblichem Maße vom Zusammenhalt des europäi­schen Rahmens ab.
So viel zum Thema „Griechenland“ bereits gesagt und geschrieben wurde, so kann sich doch der Hinweis auf ein anderes Land am Ostrand des Mittelmeers lohnen, das seinerzeit kurz vor dem ökonomischen Untergang zu stehen schien, sich dann aber aus der Krisenfalle zu befreien und mit der Zeit zum Musterknaben der Weltwirtschaft aufzusteigen vermochte. Die Rede ist von Israel, dessen im Jahre 1985 beschlossenes Programm zur Wirtschaftssanierung so erfolgreich war, dass es bis heute als mustergültig betrachtet und in Fachkreisen studiert wird.
Im Jahr 1984 sah sich Israel in einer ausweglosen Situation. Die Wirtschaft stagnierte bereits im fünften Jahr. Die Investitionen blieben auf einem bedrohlich niedrigen Niveau. Der Staatsapparat war übergroß und ineffizient. Die Regierung, deren Ausgaben sage und schreibe sechs Zehntel der Wirtschaftsleistung in Anspruch nahmen, würgte die unternehmerische Tätigkeit ab und machte immer mehr Schulden: Die Staatsverschuldung lag bei mehr als 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – in etwa wie im heutigen Griechenland. Versuche, die Lebenshaltung durch Senkungen der Kaufsteuern und eine Erhöhung der Subventionen auf einem erträglichen Niveau zu halten, erwiesen sich als nicht finanzierbar. Die Folge war eine galoppierende Inflation, die 1984 auf das ganze Jahr bezogen 445 Prozent betrug, auf ihrem Höhepunkt aber ein Tempo von mehr als 1.000 Prozent erreichte. Banken und Geschäfte hatten nicht immer Zeit, die in wertlosen Banknoten erwirtschafteten Einnahmen bei Kassenschluss zu zählen. Stattdessen wurden die Scheine schon mal sortiert und einfach gewogen. „Ein Kilo Herzl!“, rief dann der Schalterbeamte. Theodor Herzls Konterfei schmückte damals den Zehn-Schekel-Schein. In ihrer Not hatte die Regierung sogar einen Plan unterbreitet, die eigene Währung abzuschaffen und Israel auf den US-Dollar umzustellen. Der Plan blieb auf dem Papier, die Wirtschaft raste auf den Abgrund zu.
Es blieb der aus den Neuwahlen hervorgegangenen Großen Koalition unter Ministerpräsident Schimon Peres vorbehalten, im Juli 1985 ein drastisches Sanierungsprogramm zu verkünden und, was bekanntlich viel schwerer ist, auch durchzuführen. Dies, wohlgemerkt, ohne dass die geballte Wirtschaftsmacht eines ganzen Kontinents hinter Israel gestanden hätte, dafür aber auch ohne Kontrolle durch ausländische Aufpasser. Das war denn auch das eigentliche Geheimnis des israelischen Erfolgs: Die Bürger des jüdischen Staates hatten erkannt, dass schmerzhafte Einschnitte die einzige Chance zum wirtschaftlichen Überleben boten. Deshalb waren sie bereit, eine drastische Kürzung der Subventionen und eine Abwertung des Schekels in Kauf zu nehmen. Die Reallöhne gingen schlagartig um fast ein Viertel zurück. Es sollte anderthalb Jahrzehnte dauern, bis sie ihr ursprüngliches Niveau wieder erreichten. Der Staat gab weniger Geld aus – auch für die Bedürfnisse der Bürger. Im Zuge einer Währungsreform wurde aus eintausend Schekeln ein Neuer Schekel, die bis heute gültige Währung Israels.
Ohne diese, wie die Erfahrung anderer Länder zeigt, nicht selbstverständliche Zustimmung der Bürger hätte die damalige Regierung der nationalen Einheit die harten Einschnitte trotz ihrer breiten parlamentarischen Basis nicht durchsetzen können. Der Erfolg ließ übrigens nicht lange auf sich warten. Bereits 1986, dem ersten vollen Jahr nach dem Sanierungsprogramm, ging die Inflation auf 19 Prozent zurück – noch immer zu hoch, aber nicht mehr existenzgefährdend – und sank in den darauffolgenden Jahren weiter. Die stagnierende Wirtschaftsleistung wurde durch einen Boom abgelöst. Die verbesserten Rahmenbedingungen ermöglichten eine Einbindung Israels in die Weltwirtschaft und legten damit das Fundament für eine von Hochtechnologie und Exporten getragene, anhaltende Expansion.
Heute gehört Israel zu den Musterknaben der Weltwirtschaft. Die Wirtschaftskrise von 2009, die viel größere Länder mit einer Rezession bezahlen mussten, verkraftete Israel mit einer nur kurzen Verlangsamung seines Wirtschaftswachstums, und zwar dank seiner von internationalen Institutionen gepriesenen soliden Haushalts- und Geldpolitik. 2010 wurde Israel Mitglied der als „Klub der Reichen“ bezeichneten Organisation für Wirtschaftsentwicklung und Zusammenarbeit, OECD. Dabei lobte die OECD Israels technologische und wissenschaftliche Errungenschaften als „im weltweiten Maßstab herausragend“. So würde heute niemand auf den Gedanken kommen, „Herzls“ zu wiegen, statt zu zählen. Und zwar nicht nur, weil der Begründer des politischen Zionismus auf heutigen Geldscheinen nicht mehr zu sehen ist, sondern weil Israel heute eine der härtesten Währungen der Welt hat. Allerdings ließe sich Israels Wirtschaftserfolg durchaus mit den Worten beschreiben, mit denen Herzl vor mehr als einem Jahrhundert die Gründung eines Judenstaates anvisiert hatte: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.“
wst