12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Es ist noch viel zu tun

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland braucht neue Konzepte und viel Engagement/ Interview mit Lala Süsskind

Lala Süsskind war von 2008 bis Anfang 2012 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bei der jüngsten Berliner Gemeindewahl trat sie nicht wieder an und schied auch aus dem Zentralrats-Präsidium aus. Süsskind, die in den Jahren 1990 bis 2003 auch Vorsitzende der zionistischen Frauenorganisation WIZO in Deutschland war, will sich auch künftig im jüdischen Leben engagieren. Die „Zukunft“ sprach mit ihr über die künftigen Aufgaben des Zentralrats und der jüdischen Gemeinden sowie über die Finanzkrise ihrer Heimatgemeinde in Berlin.

Zukunft: Frau Süsskind, Sie wurden 2008 ins Präsidium des Zentralrats gewählt, in einer Zeit also, in der die jüdische Zuwanderung nach Deutschland nach anderthalb Jahrzehnten weitgehend zum Erliegen gekommen war. Hat der Zentralrat seitdem weniger Arbeit?
Lala Süsskind: Keineswegs. Die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjet­union hat die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nachhaltig gestärkt. Allerdings hat sie uns vor ebenso langfristige Herausforderungen gestellt. Und diese sind mit dem Versiegen des Zustroms neuer Zuwanderer doch nicht einfach verschwunden. Wir müssen noch immer für eine angemessene Infrastruktur der größer gewordenen Gemeinden sorgen. Die Aufgaben der Gemeinden im Sozialbereich sind und bleiben groß. Der Zentralrat setzt sich konsequent für eine Verbesserung der Altersversorgung der Zuwanderer ein. Ich nenne hier nur das Stichwort „Renten“. Bisher wurden leider nur bescheidene Erfolge erzielt, doch die Bemühungen müssen und werden weitergehen. Deshalb liegt vor dem Zentralrat noch sehr viel Arbeit. Und er widmet sich dieser Arbeit mit großem Ernst.

An wessen Bedürfnissen orientiert sich der Zentralrat eher: an denen der großen oder der kleinen Gemeinden?
Der Zentralrat ist für alle Gemeinden da und vertritt viele Interessen, die alle die in Deutschland lebenden Juden einen. Ich glaube aber, dass die kleineren Gemeinden den Zentralrat mehr brauchen, als es bei den Großgemeinden der Fall ist. Viele Fördermaßnahmen des Zentralrats richten sich denn auch vor allem an kleinere Gemeinden, die weniger Projekte aus eigener Kraft bewältigen können, beispielsweise das wirklich umfangreiche und interessante Kulturprogramm, das der Zentralrat anbietet. Auch die vom Zentralrat geförderte Jugendarbeit ermöglicht Jugendlichen aus kleineren Gemeinden besseren Anschluss an jüdisches Leben.

Allerdings bietet die Größe einer Gemeinde keinen absoluten Schutz vor Problemen. Siehe Berlin. Wie ist die größte jüdische Gemeinde der Bundesrepublik in eine so schwere Finanzkrise geraten?
Was Berlin angeht, liegt der Ursprung der Krise rund zwanzig Jahre zurück. Damals erhöhte der Gemeindevorsitzende Heinz Galinski die Betriebsrenten. Das geschah vor allem aus Rücksichtnahme auf zugewanderte Mitarbeiter, die von der deutschen Rentenversicherung keine angemessene Altersversorgung erwarten konnten. Um das zu finanzieren, hat die Gemeinde im Laufe der Jahre den Großteil ihres Immobilienbesitzes verkauft. Auf Dauer war das aber, versteht sich, keine Lösung.

Kaum überraschend.
Es ist nun mal so, dass Einschnitte schwer zu bewältigen sind. Die Gemeinde wollte ihren Angestellten einen angemessenen Lebensabend sichern, gleichzeitig aber die laufende Tätigkeit nicht einschränken. Da muss ich meine Vorgänger im Amt des Gemeindevorsitzenden aber auch in Schutz nehmen. Die Gemeinde wird jedes Jahr vom Bundesrechnungshof geprüft, und auch dem ist das lange Zeit nicht aufgefallen.

Wie geht es in Berlin weiter?
Das Problem kann nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Zwar werden neue Mitarbeiter der Gemeinde nicht mehr in die alte Rentenregelung einbezogen, aber das wirkt sich erst langfristig kostensenkend aus. Der Berliner Senat fordert von uns eine Schuld von 5,9 Millionen Euro zuzüglich mehr als drei Millionen Zinsen. Während meiner Amtszeit war der Senat bereit, uns die Zinsen zu erlassen, wenn wir einer langfristigen Lösung des Rentenproblems zustimmten. Leider hat das unsere Repräsentanten-Versammlung abgelehnt.
Jetzt muss der neue Vorstand für eine Lösung sorgen. Sonst bleibt es nicht nur bei den Rückzahlungsforderungen des Senats. Vielmehr wird unsere Handlungsfähigkeit in allen Bereichen zunehmend eingeschränkt. Selbst ohne das Rentenproblem wäre unser Etat nicht ausgeglichen. Wir brauchen neue Konzepte. Vielleicht müssen wir die jüdische Schule in eine Stiftung überführen, die dann Privatspenden sammelt. Oder sogar auf eine Synagoge verzichten.

Ist das für eine jüdische Gemeinde denkbar?
Wenn es nur eine einzige Synagoge gäbe, dann natürlich nicht, aber in Berlin gibt es eine Reihe von Synagogen, davon allein vier orthodoxe, auch wenn nicht alle der Gemeinde gehören. Ist das leicht? Nein. Wenn die Lösung aber leicht wäre, hätten wir sie längst gefunden.

Was können andere Gemeinden aus der Berliner Erfahrung lernen?
Ich kenne nicht die Lage jeder einzelnen Gemeinde. Berlin ist wohl in einer besonders schwierigen Situation, aber auch andere Gemeinden müssen zwischen der Fülle ihrer Aufgaben und ihren Finanzen manövrieren. Es kann aber nicht nur darum gehen, Leistungen zu kürzen und Projekte einzustellen. Ich würde mir ein viel stärkeres Engagement von Gemeindemitgliedern wünschen. Viele sind zwar schon im Rentenalter, aber jung im Geist, gesund und voll einsatzfähig. Wenn sie mehr ehrenamtliche Aufgaben übernehmen würden, wäre den Gemeinden sehr geholfen.

Welche Zukunftspläne haben Sie persönlich?
Ich bleibe im jüdischen Leben aktiv. Im Februar habe ich den Vorsitz des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus übernommen. Dieser Posten musste sofort besetzt werden. Es gibt auch andere Ideen, die ich in Ruhe prüfen will. Zu Hause sitzen und mich langweilen - das werde ich jedenfalls nicht tun.