12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Pessach persönlich ...

Erfüllender und glücklicher Moment - Von Rachil Kleyner

Auszug aus Ägypten, Chametz, die zehn Plagen, Seder, Hallel … Selbstverständlich waren mir diese Begriffe von jeher aus dem jüdischen Religionsunterricht bekannt. Ja, ich konnte sie sogar definieren, konnte die zehn Plagen auswendig aufsagen und wusste, was auf eine Seder-Platte gehört. Und nun? In Religion hatte ich eine gute Religionsnote. Mehr aber auch nicht. Das im Unterricht Erlernte war nie wirklich Teil meines Lebens.
Mit der Hochzeit meines Cousins Ende 2008 begannen sich die Dinge aber zu ändern. Als das junge Paar unter der Chuppa stand, war mir klar: „Auch ich möchte so heiraten. So und nicht anders. Ich möchte die jüdische Tradition lernen und leben, um später auch Sch‘lom Bayit zu genießen, eine große und harmonische Familie zu gründen.“ Von dieser Idee inspiriert, schlug ich meinen Eltern vor, den nächsten großen jüdischen Feiertag zu Hause zu feiern, und dieser große Feiertag war Pessach. Versorgt mit Mazza für ganze acht Tage und mit anderen Speisen, die auf die Seder-Platte gehören wie Marror oder Karpass, konnten wir unseren ersten Familien-Seder beginnen.
Jeder Anfang ist schwer. So war es uns leider nicht möglich, schon beim ersten Seder jede einzelne Mitzwa richtig auszuführen, aber wir gaben unser Bestes. Meine Mutter und ich zündeten Kerzen an, wir aßen die traditionellen Speisen (natürlich nicht ohne davor die jeweilige Bracha gesagt zu haben!). Ich erzählte meinen Eltern vom Auszug aus Ägypten und von den zehn Plagen. Es war für mich etwas ungewöhnlich, den Seder zu leiten, da dies mein erstes Pessach war und mein Wissen somit nur ein kleiner Tropfen im Ozean. Aber dennoch war es für mich ein sehr erfüllender und glücklicher Moment. Ich hatte das Gefühl, genau das zu tun, für was ich als Jüdin bestimmt bin, nämlich die Traditionen, für die unsere Urväter so hart gekämpft haben, wieder in die Familie zurückzubringen.
Puh, der Seder-Abend war also überstanden! Aber das war für mich nicht genug, ich wollte auch die Mitzwa erfüllen, während des ganzen Pessach-Festes kein Chametz zu essen. „Du willst acht Tage lang kein Brot essen? Keine Pfannkuchen? Keine Pasta? Nicht einmal Omas Plätzchen?“, fragten mich geschockt meine Großeltern, für die ich immer zu dünn und zu blass bin. Ja, auch keine Plätzchen. Zugegeben, es war einfacher, als ich dachte, denn ich versuchte, die Mitzwa nicht nur blind zu erfüllen, sondern einen persönlichen Sinn darin zu sehen. Dieser persönliche Sinn lag darin, dass Pessach für mich wie ein Auszug aus meinem eigenen Ägypten war. Es war zwar nur ein kleiner Schritt, und vor mir liegt noch ein sehr weiter Weg, aber ich gebe mein Bestes, um voranzukommen und meinen eigenen Pharao zu besiegen.
Nun steht Pessach wieder vor der Tür, und ich habe überlegt, zusätzlich zu dem Seder zu Hause auch in die Synagoge zu gehen. Wieder ein kleiner Schritt vorwärts. Ich weiß nicht, wie dieses Pessach wird, und ich weiß auch nicht, wie das nächste sein wird, aber eins weiß ich: Mein erstes Pessach war definitiv das schönste und bedeutendste für mich!

Rachil Kleyner ist Abiturientin. Sie wurde in der Ukraine geboren und lebt mit ihrer Familie seit zwölf Jahren in Bochum.