12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Pessach persönlich ...

„Wer hungrig ist, komme und esse“ - Von Tanya Smolianitski

Vor Pessach haben wir, wie man weiß, viel zu tun. Gleich nach Purim geht es mit all den Sachen los, die wir vor Pessach erledigen müssen. Das Haus aufräumen und säubern. Essen kaufen und zubereiten. Das Pessach-Geschirr aus den Schränken holen und das Alltagsgeschirr verstauen. Und vieles mehr.
Als Bildungsreferentin der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen habe ich mit Pessach auch beruflich zu tun. Im Rahmen meiner Arbeit führen wir in den Wochen zwischen Purim und Pessach Veranstaltungen für Familien und Kinder durch. Vor einigen Jahren haben wir eine besondere Reise für Familien nach Antwerpen unternommen. In einer jüdischen Bäckerei konnten die Kinder selbst Mazza backen und vieles über Pessach lernen. Eine Teilnehmerin nahm sogar eine Riesentasche mit Töpfen mit, um das Kochgeschirr in einem Synagogengebäude der Gemeinde von Antwerpen koscher für Pessach zu machen.
Im selben Jahr entschieden wir uns als Familie, die Seder-Abende ruhig im kleinen Kreis der Familie zu verbringen und die Haggada in russischer, deutscher und hebräischer Sprache zu lesen. Nur wenige Stunden vor dem ersten Seder waren alle Familienmitglieder mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, richteten den Tisch an, schrubbten die letzten noch nicht perfekt geputzten Stellen im Haus auf Hochglanz oder bereiteten die Speisen vor. Da klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war ein Mann, den wir erst wenige Wochen zuvor zum ersten Mal in der Gemeinde getroffen und mit dem wir die Telefonnummern ausgetauscht hatten. Nun erzählte er uns am Telefon, eigentlich sei er zum großen Seder in der Gemeinde eingeladen, allerdings habe der Einladende vergessen, eine Karte für ihn zu kaufen. Daher bat er uns, für ihn doch noch einen Platz am Seder-Tisch der Gemeinde zu finden.
Wir hatten eine andere Idee und luden unseren neuen Bekannten zu uns ein. Die Einladung nahm er dankend an und war einige Stunden später bei uns zu Hause. Wir begannen den langen Abend und lasen die ersten Seiten der Haggada. Anstelle der vier traditionellen Fragen stellte der Gast viel mehr Fragen. Es war sein erster Seder im kleinen Kreis, und nun hatte er Gelegenheit, Wissenslücken zu füllen. Die Situation erinnerte uns ein wenig an die Haggada-Geschichte, in der sich Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua und Rabbi Elasar die ganze Nacht lang über den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten unterhalten, bis einer ihrer Schüler zu ihnen kommt und sie erinnert, es sei nun Zeit, das Morgen-Schema zu lesen.
In dem Haggada-Teil „Magid“ heißt es: „Wer hungrig ist, komme und esse mit uns; wer bedürftig ist, komme und feiere das Pessach-Fest mit uns.“ Durch den unerwarteten, aber dennoch willkommenen Besuch hatten wir nun die Möglichkeit, diese gute Tat am Seder-Abend zu verwirklichen. Durch die vielen Fragen wurde es für unseren Sohn eine ungewöhnlich lange Seder-Nacht. Davon war er nicht sehr begeistert. Durch die Belohnung, die er am Ende des Seders für das Finden des Afikoman mit uns ausgehandelt hatte, wurde ihm diese Erfahrung allerdings versüßt.

Die Historikerin Dr. Tanya Smolianitski wurde in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Deutschland. Neben ihrer Tätigkeit in der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen leitet sie Kulturprojekte des American Jewish Joint Distribution Committee und unterrichtet in verschiedenen jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik.