12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Pessach persönlich ...

Windeln statt Kaffee - Von Noemi Berger

Wir schreiben das Jahr 2011. Wie seit einigen Jahren wollen wir auch diesmal das Pessach-Fest im koscheren Hotel Eden Park in Bad Kissingen verbringen. Gemeinsam mit einigen Vorbetern leitet mein Mann im Eden Park die Seder-Abende, an denen Menschen aus ganz Deutschland teilnehmen – zum Teil solche, für die es der erste Seder in ihrem Leben ist. Mein Gatte wird auch Vorträge halten und viele Fragen aus dem Publikum beantworten. „Das hält jung“, sagt er. In Bad Kissingen kommt zudem unsere Familie zusammen. Unsere Kinder, es sind ihrer zwei, wohnen weit entfernt von uns, kommen aber über Pessach nach Bad Kissingen. Das Fest ist also auch eine Gelegenheit, einander zu sehen und unsere sechs Enkelkinder zu genießen. Es wird herrlich sein, sich endlich vom Alltagsstress ausruhen zu können. Ich sehe mich schon auf einer Bank im Kurpark sitzen. Die Sonne scheint. Ich höre dem Gezwitscher der Vögel zu und von Weitem höre ich das wunderbare Kurorchester den Radetzky-Marsch spielen. Endlich Ruhe!
Es geht in Stuttgart los. Nach etwa zwei Stunden Autofahrt sind wir am Ziel angelangt. Kinder und Enkelkinder sind bereits angekommen. „Omi, Omi“, tönt es von allen Seiten, und zwölf kleine, warme Händchen umfassen meine Arme und meine Beine. „Endlich bist du da, Omi!“ Ich strahle wie ein Lebkuchen. Auch meine Tochter freut sich. „Mama, könntest du bitte auf die Kinder aufpassen, während wir spazieren gehen?“, fragt sie mich. Eine halbe Stunde? Na, klar. Mach ich. Und sie rauscht davon. Kaum habe ich die Koffer mit „Hilfe“ der Enkelkinder ausgepackt, kommt mein lieber Sohn: „Mama, könntest du auf die Kinder aufpassen? Wir möchten noch schnell einen Kaffee trinken.“ Aber natürlich! Jetzt habe ich alle sechse im Zimmer. „Omi, Omi, machen wir eine Kissenschlacht?“ Treuherziger Augenaufschlag. Wer kann da widerstehen? Mein lieber Mann ist nicht aufzutreiben. Also findet die Kissenschlacht ohne ihn statt.
Die Kissenschlacht ist überstanden. Ich freue mich nun auf MEINE Verschnaufpause im Café. Es riecht merkwürdig im Zimmer. Aha, Zeit das Baby zu wickeln. Die anderen fünf Kinderchen habe ich mit den mitgebrachten Geschenken eingelullt. Sie sitzen friedlich auf dem Doppelbett und probieren alles aus, während ich das Baby wickele. Es gibt zufriedene Grunzlaute von sich. Ich sehe auf meine Uhr. Es sind zwei Stunden vergangen, seit meine Kinder „auf eine Tasse Kaffee“ weggegangen sind. Und ich wollte doch so gerne auch einen Kaffee trinken. Na ja. Sechs Enkel sind ein guter Ersatz für Kaffee. Aber schön wäre es doch gewesen. Ich glaube, ich werde die Kinder für den Seder-Abend fertig machen. Ich kann mich an den Kleinen einfach nicht sattsehen. Alle sind so niedlich und so hübsch, außerdem auch noch so klug. Ich bin glücklich.
Nach drei Stunden kommen meine Kinder zurück. Jedes Kind hält eine Tasse Kaffee in der Hand für die Babysitterin. Ach, wie lieb. Schnell umziehen und hinunter zum Speisesaal. Die Tische sind herrlich gedeckt. Wie für ein Bankett. Wir setzen uns und warten auf den großen Augenblick, da alle Enkel das Ma-Nischtana singen werden. Ich bin so stolz. Sie singen mit ihren süßen Stimmchen und ich habe Tränen in den Augen. Ich denke an meine Kindheit zurück, als Papa den Seder leitete und Mama mit der duftenden Hühnerbrühe mit Matzeknödeln ins Zimmer schritt. Die schönen Kinderjahre … Und nun haben wir selber Kinder und Enkelkinder, die das Ma-Nischtana singen. Nicht für alles Geld und Gold der Welt wollte ich diese Augenblicke missen und denke mir: Lass mich noch lange Oma sein in Bad Kissingen im Hotel Eden Park zu Pessach!

Noemi Berger wurde in Budapest geboren. Sie wuchs in Israel und in Wien auf. Sie studierte Judaistik in London und ist seit vielen Jahren im jüdischen Leben aktiv. Noemi Berger ist die Ehefrau des Landesrabbiners a. D. von Württemberg, Rabbiner Dr. Joel Berger.