12. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2012 | 7. Nissan 5772

Pessach persönlich

Das Fest der Gemeinsamkeit - Von Dieter Graumann

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 3
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 2
Vor dem Pessach-Fest haben wir drei Autorinnen und einen Autor gebeten, Pessach-Erlebnisse zu schildern, die für sie unvergesslich bleiben. Wir freuen uns, in dieser Ausgabe die Beiträge von Dr. Dieter Graumann, Noemi Berger, Dr. Tanya Smolianitski und Rachil Kleyner veröffentlichen zu können.
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Das Fest der Gemeinsamkeit - Von Dieter Graumann

Pessach ist das Fest der Freiheit, das Fest des Glaubens und das Fest der Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes. Alle diese Dinge besitzen für uns Juden einen hohen Stellenwert. Sie bilden einen konstituierenden Teil unserer jüdischen Identität. Wenn ich aber in mich gehe und daran denke, was das Schönste für mich ganz persönlich an Pessach ist, so komme ich immer wieder auf den einen, so besonderen Aspekt: die Wärme und das Glück eines gemeinsamen Pessach-Festes mit der Familie und lieben Freunden.
Und wenn ich selbst nun meinen „schönsten“ Seder benennen soll, so habe ich es ziemlich schwer. Denn mir fallen dann gleich so viele „erste“ Seder-Abende ein, die für mich, in meinem eigenen Leben, jeweils eine ganz besondere, kostbare Bedeutung haben und die für immer einen festen Platz in meinem Kopf und in meinem Herzen einnehmen werden.
Der erste Seder etwa, an dem ich selbst als Kind die vier Fragen stellte, der erste Seder in Israel, der erste Seder mit meiner späteren Frau, der erste Seder als Ehemann, dann als Vater, der erste Seder, an dem unsere Kinder die vier Fragen stellten, der erste Seder, den ich selbst führte, der erste Seder mit unserer Schwiegertochter, der erste Seder mit unserer Enkeltochter. Das sind Ereignisse, die für mich immer unvergesslich sein werden.
Die Magie, die vom gemeinsamen Zelebrieren dieses Festes mit seinen reichen Traditionen und der über Generationen transportierten Herzlichkeit ausgeht, berührt mich immer wieder, Jahr für Jahr, und macht das Fest zu meinem ganz persönlichen, besonderen Erlebnis. Es sind daher meine liebsten Abende im ganzen Jahr. So sollte es vielleicht auch sein: dass wir jedes Jahr durch die Menschen um uns herum und durch die Ruhe und Kraft, die uns Pessach zu spenden vermag, immer wieder aufs Neue unser schönstes Pessach erleben. Selbst in Zeiten von persönlichen Hürden und Herausforderungen, selbst wenn uns einmal gerade nicht zum Feiern zumute sein sollte, so dürfen wir doch die Hoffnung auf bessere Zeiten und den Zauber von Pessach nicht aus den Augen verlieren. Denn diese Traditionen sind stark genug, um uns auch in schweren Momenten zu tragen.
An Pessach erinnern wir uns schließlich auch an die schweren Jahre und die Nöte des jüdischen Volkes während des Auszugs aus Ägypten und danach. Zugleich aber erinnern wir uns auch an die Hoffnung, die unsere Vorfahren wortwörtlich bis ins gelobte Land trug. Während dieser Zeit sind wir zu EINEM Volk zusammengewachsen. Hier in Deutschland sind wir, als jüdische Gemeinschaft, ebenfalls gewachsen. Nun wünsche ich mir, sollten wir auch noch stärker ZUSAMMEN wachsen. Daher hoffe ich, dass alle Menschen die Möglichkeit wahrnehmen, an einem Seder teilzunehmen, sei es im eigenen Zuhause oder im Zuhause ihrer Gemeinde. Unabhängig davon, wie man nämlich sonst seinen jüdischen Alltag gestaltet, so bietet doch Pessach die Möglichkeit, das Gefühl von Gemeinsamkeit, von Nähe und Wärme zu vermitteln und zu erfahren.
Wir haben in Deutschland viele jüdische Gäste aus aller Welt, die in der Pessach-Zeit nicht bei ihren Liebsten sein können. Daher ist es nicht nur ein schöner Brauch, sondern eine Mitzwa, diese Menschen zu sich einzuladen. Denn wenn sie schon ihrer Familie nicht nah sein können, so doch zumindest ihrer Glaubensfamilie. Pessach verbindet uns Juden weltweit, es verbindet uns aber auch mit allen vorherigen Generationen und allen künftigen Generationen von Juden und stärkt so das jüdische Band auf wunderbare Art und Weise. Sich dessen wirklich bewusst sein, ist alleine schon eine der schönsten „Nebenwirkungen“ von Pessach. Das dürfen wir nie vergessen. Mir persönlich wird dies immer wieder klar, wenn ich am Seder-Abend mit meiner Familie und Freunden beisammen bin und jedes Jahr aufs Neue das bewegendste, wertvollste und schönste Pessach-Fest für mich selbst erlebe.

Ich wünsche Ihnen allen von Herzen Pessach Kascher we-Sameach!

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.