12. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2012 | 1. Adar 5772

Best-Noten

Das Buch “Schiru! Singt!” versammelt 60 berühmte hebräische Lieder aus allen Zeiten

Von Zsolt Balla
Wer die Vielfalt jüdischer Gesangskultur mit einer Sammlung von nur 60 Liedern repräsentativ wiedergeben will, stellt sich eine beinahe unmögliche Aufgabe. Der Sänger und Musiker Daniel Kempin hat sich ebendiese Aufgabe nicht nur gestellt, sondern mit seinem Buch „Schiru! Singt!“ auch erstaunlich gut gelöst.
Schon die Inhaltsangabe zeigt, wie breit gefächert Kempins Quellen bei der Auswahl der Lieder waren. Das auf Englisch, Deutsch und Französisch veröffentlichte Buch bietet einen Querschnitt durch Melodien aus verschiedenen Ländern mit Texten unterschiedlicher Herkunft – von traditionellen Klassikern bis zu modernen Werken. Selten sieht man chassidische Niggunim, Lieder aus der modernen Liturgie von Shlomo Carlebach oder Ben-Zion Shenker sowie Werke Salomon Sulzers aus dem 19. Jahrhundert in ein- und derselben Sammlung. Eine Komposition von Kempin selbst ist ebenfalls in dem Buch enthalten.
Die Lieder sind thematisch angeordnet, angefangen mit Texten aus dem Tanach wie Schma Jisrael, Weschamru und Hine Ma Tow, überleitend zu Weisen der jüdischen Wochentags-, Schabbat- und Festtagsliturgie wie Ose Schalom und Lecha Dodi bis hin zu den Liedern des modernen jüdischen Staates wie Lach Jeruschalajim und Erew Schel Schoschanim. Die Musiknoten werden typografisch schön wiedergegeben, immer begleitet von einer präzisen Quellenangabe, dem hebräischen Original sowie – unumgänglich für ein breiteres Publikum – einer Transliteration. Letztere folgt der englischen Umschrift, eine Tabelle am Ende des Buches hilft dem deutsch- und französischsprachigen Leser, sie zu benutzen.
Die Noten kommen mit Gitarrenakkorden daher, was gemeinschaftliches Singen mit einfacher Begleitung ermöglicht. Und das ist auch die Absicht des Werkes: Als Liederbuch für Menschen zu dienen, die zusammen singen und musizieren wollen, um sich in die jahrtausendealte Kette der Tradition einzugliedern und die immer noch aktuellen Inhalte in der Gemeinschaft weiterzugeben. Leser, die die Musik kennen, aber ihre Wörter nicht verstehen oder nicht wissen, woher ein Lied stammt und wodurch es berühmt wurde, können im Anhang nachschauen. Diese Hintergründe zu kennen, ist in der heutigen Zeit besonders wichtig: Eine Tradition zu erhalten, ist natürlich leichter, wenn man mit ihr vertraut ist – oder wird.
Das Buch wäre nicht vollständig ohne eine ergänzende Audioproduktion. Eine Doppel-CD zum Buch, auch getrennt erhältlich, gibt die Melodien getreu in schlichter Instrumentierung wieder. Daniel Kempin spielt die Lieder mit einfachen Akkorden, um den Zuhörer zum Nachmusizieren zu inspirieren. Kempins Gesang und Gitarrenspiel werden von Dmitry Reznik auf der Geige und von Matthew Peaceman auf der Oboe begleitet. Der Band könnte ein Meilenstein auf dem Weg zur kulturellen Toleranz werden. Er ist nicht nur für den jüdischen Leser interessant, sondern für alle, die die jüdische Tonkunst näher kennenlernen wollen.
Rabbiner Zsolt Balla ist Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig und Musiker

Daniel Kempin (Hrsg.): Schiru! Singt! Chirou! Chantez! Shiru! Sing! – 60 hebräische Lieder, 2011, Gütersloher Verlagshaus/ BIBEL+ORIENT Museum Freiburg/CH, ISBN 978-3579059341,
Buch mit Doppel-CD, Doppel-CD solo, beides erhältlich beim BIBEL+ORIENT Museum Freiburg/CH,
www.bible-orient-museum.ch