12. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2012 | 1. Adar 5772

In der Schwebe

Jüdisches Museum München dokumentiert das Schicksal der Displaced Persons

Von Franziska Werners

„Displaced Person“ ist ein nahezu unübersetzbarer Begriff aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Versprengte“ wäre die inhaltlich vielleicht treffendste Übersetzung ins Deutsche. Allerdings hat sich die Bezeichnung „Displaced Person“ – oft als DP abgekürzt – auch ohne Übersetzung einen festen Platz in der Nachkriegsgeschichte Europas erobert. DPs waren Menschen aus Osteuropa, die der Weltsturm in irgendeine Ecke des Kontinents verschlagen hatte.
Unter ihnen stellten Juden eine besondere Gruppe dar, Überlebende der Schoa, die in ihre alte Heimat nicht zurückkehren wollten oder diese nach der Befreiung verließen. Der Großteil von ihnen blieb oder kam nach Kriegsende nach Deutschland – um in alliierten DP-Lagern, hauptsächlich in der amerikanischen Besatzungszone, vorübergehenden Unterschlupf zu finden, bevor es weiterging: in den meisten Fällen nach Israel oder in die USA. Eine kleine Gruppe entschloss sich – oft aus Mangel an anderen Möglichkeiten – für den Dauerverbleib in Deutschland. Auf dem Höhepunkt lebten 200.000 jüdische DPs auf deutschem Boden.
Nun präsentiert das Jüdische Museum München eine Ausstellung zur Geschichte jüdischer DPs in München und dem Münchener Umland. Dabei handelt es sich um den ersten Teil einer Doppelausstellung, der bis 17. Juni zu sehen ist. Der zweite Teil wird von der jüdischen Zuwanderung nach Deutschland nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 handeln. Das erklärt auch den Titel der Gesamtveranstaltung: „Juden 45/90“.
Eine „Ironie der Geschichte“ nennt es Museumsdirektor Bernhard Purin, dass ausgerechnet in diesen ersten Jahren nach der Shoa mehr Jüdinnen und Juden in Bayern lebten als je davor oder danach. Die Flüchtlingslager in Süddeutschland wurden für Zehntausende jüdischer Überlebender, die aus deutschen Konzentrationslagern befreit worden waren, zu einem Zwischenstopp. Nicht wenige der Überlebenden hatten zwar versucht, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, mussten dort aber erleben, dass der Antisemitismus ihrer früheren Landsleute noch immer so virulent war wie zu Kriegszeiten unter deutscher Besatzung.
Eine weitere bittere Ironie der Geschichte bestand darin, dass die vielfach schwer traumatisierten und heimatlos gewordenen Überlebenden sich nun in DP-Camps fanden, in denen zunächst jüdische wie nicht-jüdische Flüchtlinge nach Staatsangehörigkeit zusammengelegt wurden. Zahlreiche Spannungen waren die Folge. In bestimmten Fällen waren die nicht-jüdischen Lagernachbarn ehemalige Kapos und Nazi-Kollaborateure. Erst nach massiven jüdischen Protesten ließen die amerikanischen Besatzungsbehörden rein jüdische DP-Lager zu, unter anderem in Föhrenwald bei Wolfrathshausen, südlich von München. Ursprünglich war Föhrenwald eine NS-Arbeitersiedlung gewesen. Dem Föhrenwalder Lager, welches erst Anfang 1957 geschlossen wurde und das zu den am längsten bestehenden DP-Camps gehörte, ist der Hauptteil der Münchener Ausstellung gewidmet.
Dabei setzen die Ausstellungskuratoren nicht nur auf das Medium Bild oder Fotografie, sondern vielfach auf die Präsentation dinglicher Zeugnisse und Objekte, die von den Überlebenden aus der alten Heimat herübergerettet werden konnten oder aber in den DP-Lagern hergestellt beziehungsweise von Hilfsorganisationen bereitgestellt wurden. Gerade diese Alltagsgegenstände illustrieren auf eindrucksvolle Weise die Überlebensumstände der Flüchtlinge.
Die Not in den DP-Camps war groß, und Hilfe aus dem Ausland – vor allem von der UN-Hilfsorganisation UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und dem American Jewish Joint Distribution Committee, kurz Joint genannt – lief erst nach und nach an. Die Überlebenden brauchten aber nicht nur materielle Hilfe, sondern auch ideelle, kulturelle und religiöse Unterstützung. Die Not, aber auch den Drang nach Hoffnung bezeugen eindrücklich die Ausstellungsstücke der „Sch‘erit ha-Pleta“, zu Deutsch „Rest der Geretteten“. Den auf das 1. Buch Mose (45:7) zurückgehenden Begriff hatte der amerikanische Armee­rabbiner Abraham Klausner in neuzeitlichem Sinn geprägt. Klausner, der kurz nach der Befreiung ins KZ Dachau kam, engagierte sich unermüdlich für die Belange der Opfer. Mit „Sch‘erit ha-Pleta“ überschrieb er seine Überlebenden-Suchlisten. Unter diesem Namen stellten Bewohner der DP-Camps in Bayern auch Gebrauchsgegenstände für den jüdischen Haushalt her, so etwa Chanukka-Leuchter oder Sederteller, einfaches Steingut mit bunter Glasur und gestempelt mit „Tozeret Sche‘erit ha-Pleta be-Galut Germania“, zu Deutsch „Hergestellt vom Rest der Geretteten im deutschen Exil“. Bemerkenswert an diesen Exponaten sind aber nicht nur die Produktionsumstände, sondern auch die darauf abgebildeten Motive und Inschriften. In einem Aschenbecher ist ein Baumstumpf zu sehen, aus dessen Seite ein neuer Trieb wächst, eine Anspielung auf die Tora, die auch als „Etz Chaim“ bezeichnet wird, Baum des Lebens, der, selbst wenn er abgeschlagen wird, weiterlebt. Passend dazu die Inschrift „Lamrot ha-kol, Israel chai ...“: „Trotz allem, Israel lebt ...“
Wie stark der Lebenswille der Geretteten war, drückte sich nicht zuletzt in den Geburtenraten aus. Keine jüdische Gemeinschaft auf der Welt wuchs in den Jahren 1945–1947 schneller als die in den DP-Lagern in Deutschland, wo in kürzester Zeit über 2.000 Kinder zur Welt kamen. Man begann, trotz allem, sein Leben neu zu ordnen und sich irgendwie mit der Gegenwart zu arrangieren. Man spielte Theater, machte Musik, im DP-Lager Landsberg wurde sogar ein Film gedreht. Literaturkreise, Zeitungen und Schulen, in denen vorrangig Jiddisch und Hebräisch gesprochen und unterrichtet wurden, halfen, die Zeit im Lager zu überbücken und Anschluss an ein neues Leben zu finden.
(www.juedisches-museum-muenchen.de)