12. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2012 | 1. Adar 5772

Alte Heimat – neue Heimat

Die jüdisch-bucharische Gemeinde in Hannover baut ein neues Zentrum

Von Michael Grau

Noch stapeln sich in der Ecke Zementsäcke und Kabel ragen meterlang aus den Wänden. Bohrmaschinen dröhnen durch die Räume und Flure. In einigen Monaten ist es soweit: Im Herbst 2012 will die Jüdisch-sefardisch-bucharische Gemeinde in Hannover ihr neues Zentrum in der Bangemannstraße 8 im Stadtteil Ricklingen eröffnen. Es soll ein Anziehungspunkt für deutschlandweit 230 Familien mit rund 1.200 Angehörigen werden. Allein in Hannover leben 60 Familien mit rund 300 Angehörigen. Damit beherbergt die niedersächsische Landeshauptstadt die größte und einzige selbstständige deutsche Gemeinde der aus Mittelasien stammenden bucharischen Juden.
Bislang treffen sich die Gemeindemitglieder im Erdgeschoss eines Wohnhauses, doch sind die Räume längst viel zu eng geworden. Deshalb suchte die Gemeinde ein neues Domizil – und fand es in einem ehemaligen Zentrum der früheren evangelischen Maria-Magdalenen-Gemeinde in Hannover. „Es war eine praktische Lösung“, erzählt das Ehrenmitglied der bucharischen Gemeinde Michael Krebs, „deshalb haben wir es gekauft.“
Die ersten bucharischen Juden kamen nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs in den 90er-Jahren nach Deutschland. Ihre Ursprünge liegen in der Stadt und Provinz Buchara in Usbekistan. Aber auch Juden aus Tadschikistan und Kirgistan gehören der bucharischen Gemeinschaft an.
Nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft im 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende blieben viele Juden im damaligen Persischen Reich und siedelten bis an die Grenzen von China und der Mongolei. Viele trieben Handel an der berühmten antiken Seidenstraße. „Die Seidenstraße war vor der Entstehung des Christentums und des Islams das Maß aller Dinge“, erläutert Krebs. Die Namen der Städte an der Straße klingen exotisch: Samarkand, Bischkek, Taschkent. Oder eben Buchara. Die rund 35.000 Vorfahren der heutigen bucharischen Juden hatten in und um Samarkand gelebt. Aus persischen, hebräischen und tadschikischen Elementen schufen sie eine eigene Sprache, „Buchor“ genannt.
Ewer Motaev (29) ist stolz auf diese Vergangenheit. Er kam 1997 nach Deutschland, ging hier zur Schule, machte Abitur und spricht längst perfekt Deutsch. Heute führt er drei Handy-Läden in Hannover. „Meine Vorfahren haben es geschafft, eine jüdische Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten“, erzählt er. „Wenn man das auf heute überträgt, bedeutet das: Ich freue mich, dabei zu sein, wenn wir heute in Deutschland das Gleiche tun.“ Deswegen engagiert sich Motaev im Vorstand der Gemeinde, in dem er der Jüngste ist. Deutschland sieht er inzwischen als seine Heimat an. „Wir haben hier gerade Wurzeln geschlagen. Ich habe hier schon die Hälfte meines Lebens verbracht. Und ich habe nicht vor, wieder umzuziehen.“
In Mittelasien gerieten die Juden nach dem Vordringen des Islam unter starken Druck bis hin zu Zwangsbekehrungen. Einzelne jüdisch-bucharische Gemeinden lebten – wie ihre Glaubensbrüder im mittelalterlichen Spanien und Portugal – versteckt.
Ende des 18. Jahrhunderts kam Rabbiner Josef Maman ben Mosche aus Tzfat (Safed) der damals im religiösen Niedergang befindlichen Gemeinschaft zu Hilfe. Er führte sefardische Bräuche ein und bewahrte so die Volksgruppe vor dem Zerfall. Infolge der Eroberung des Gebietes durch den russischen Zaren im 19. Jahrhundert kamen die bucharischen Juden in Kontakt mit aschkenasischen Juden aus dem Westen. Nach dem Ende der Sowjetunion hielt es sie dann nicht mehr in ihrer alten Heimat. Fast alle wanderten aus, hauptsächlich in die USA und nach Israel, zum Teil auch nach Deutschland und Österreich.
Anders als viele andere Juden aus der ehemaligen UdSSR, die ihren Glauben nach der Sowjet-Ära erst wieder neu erlernen mussten, sind die „Bucharen“, wie sie manchmal verkürzt genannt werden, im Judentum fest verwurzelt. Ihre Bräuche unterscheiden sich in mancher Hinsicht von denen anderer jüdischer Gemeinschaften. „Ein normaler Schabbat-Gottesdienst kann schon mal vier, fünf Stunden dauern“, erläutert Michael Krebs. Auch Ewer Motaev hält sich so weit wie möglich an die religiösen Regeln. Jeden Schabbat und jeden Feiertag kommt er mit seiner Familie in die Synagoge. Die Familie ernährt sich koscher. „Sich zu integrieren bedeutet nicht, sich zu assimilieren“, sagt er. „Man kann einen deutschen Pass haben, ein deutscher Jude sein, aber man muss dabei nicht seine Identität auflösen.“
Krebs selbst ist kein „Buchare“, sondern deutscher Jude aus Berlin, Sohn von Holocaust-Überlebenden. Auf der Suche nach einer authentischen Form des Judentums hat er sich den Zuwanderern angeschlossen, weil ihn die Ursprünglichkeit ihres Glaubens fasziniert. Als früherer Architekt und Gastronom kennt sich der 65-Jährige im deutschen Wirtschaftsleben aus und kann den Migranten mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Die Errichtung des neuen Gemeindezentrums wurde vom Land, vom Zentralrat der Juden in Deutschland, vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und von zahlreichen Spendern unterstützt. Die neuen Räume bieten den künftigen Nutzern schon fast alles, was sie brauchen. „Wir müssen sie nur noch sanieren“, sagt Krebs. An der Stirnseite des Gottesdienstraumes für rund 200 Menschen, auf einer kleinen Bühne, steht künftig der Toraschrein. In die Mitte des Raumes kommt das Lesepult. Auf einer Empore können die Frauen den Gottesdienst verfolgen. „Wir sind eine Tora-treue Gemeinde“, betont der 65-Jährige. Die bunten Kirchenfenster aus den 1960er-Jahren können aber bleiben: „Die sind neutral.“ Im Keller werden Jugendräume mit Computer, Billard und Musikanlage eingerichtet, unters Dach kommt ein Kindergarten.
So fehlt eigentlich nur noch ein eigener Rabbiner. Er muss Deutsch sprechen – und natürlich „Buchor“. Michael Krebs hat schon drei Kandidaten im Auge. Doch weil das Geld knapp geworden ist, muss sich die Gemeinde wohl erst einmal gedulden: „Das Problem“, so Krebs, „ist nicht, einen geeigneten Rabbiner zu finden, sondern ihn zu finanzieren.“ (www.bucharische-juden.de)