12. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2012 | 1. Adar 5772

Beherzt anpacken

Erfolgreiche Integration verlangt nicht nur harte Arbeit der Migranten, sondern auch einen Bewusstseinswandel in der Mehrheitsgesellschaft

Von Stephan J. Kramer

Am 31. Januar fand im Berliner Bundeskanzleramt der inzwischen fünfte Integrationsgipfel statt. Führende Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, einschließlich Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften kamen in Berlin zusammen, um Fragen der Integration zu diskutieren. Unbestritten zeigen Ziele und Motive des Gipfels, wie wichtig das Thema und dabei vor allem ein gesamtgesellschaftlicher Konsens sind.
Die Bundeskanzlerin hat das Thema zur Chefsache gemacht, schon der erste Gipfel fiel im Jahre 2006 in ihre Amtszeit. Sie engagiert sich auch persönlich und überzeugend in der Sache. So weit, so gut.
Betrachtete man die ambitionierte Tagesordnung des Gipfels, so bedurfte es keiner großen Fantasie, um festzustellen, dass für eine inhaltliche und konstruktive Auseinandersetzung mit den offenen Fragen der Integration oder gar der positiven Bewertung von erfolgreichen Beispielen schlicht die Zeit fehlte. Damit unterschied sich der fünfte Gipfel nicht von den vorhergehenden, und die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerte sich auch entsprechend kritisch.
Die Vorträge und Wortbeiträge boten hauptsächlich Vorhersehbares, erfreulicherweise waren aber auch unbequeme Stimmen zu hören. So etwa wies der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann darauf hin, dass bürgerliches Engagement und Identifizierung von Migranten mit der deutschen Gesellschaft nur schwer zu erwarten seien dürften, solange man den Zuwanderern die bürgerschaftliche Mitwirkung etwa durch fehlende Staatsbürgerschaft oder Versagung des kommunalen Wahlrechts für nicht-europäische Staatsbürger vorenthalte. Viktor Ostrowski, Vorstandmitglied des Bundesverbandes russischsprachiger Eltern, sprach Klartext, indem er die mangelnde Anerkennung von Bildungs- und Schulabschlüssen als ein andauerndes und schwerwiegendes Integrationshindernis benannte.
Leider wurden solche Beiträge nicht etwa aufgegriffen und als konkreter Arbeitsauftrag ernst genommen. Vielmehr wurden längst bekannte Weisheiten – wie etwa die Kausalität zwischen guter Bildung und guter Integration, aber auch sozialer Herkunft – bekräftigt. Auch die Frage, ob eine mehrsprachige Erziehung sich grundsätzlich positiv auf die Integrationschancen auswirkt, soll wissenschaftlich untersucht und das Ergebnis auf dem nächsten Gipfel 2013 vorgestellt werden. Der Blick in andere Einwanderungsgesellschaften oder die schon heute praktizierte Mehrsprachigkeit an vielen deutschen Schulen, zum Beispiel in Berlin, hätte die Frage schnell und vor allem positiv beantwortet. Solche Diskussionsbeispiele lassen dann doch Zweifel an der Ernsthaftigkeit aufkommen, mit der das Thema Integration in der Politik behandelt wird. Die positive Initiative der Integrationsgipfel mutiert so bedauerlicherweise auch eher zu Schaufensterpolitik. Statt einem parteiübergreifenden Expertenrat, der die Bundeskanzlerin jenseits der eingelaufenen Trampelpfade bei ihren Entscheidungen sachkundig unterstützt, ähnelt das Ganze eher einer moderierten Talkrunde mit sachverständigen Gästen.
Dabei muss sich die Integrationspolitik nicht nur in der Debatte, sondern gerade „draußen im Lande“ bewähren. Es wäre nämlich eine Illusion zu glauben, dass sich alle Herausforderungen, denen sich die immer bunter gemischte Bundesrepublik gegenübersieht, mit der Zeit von allein lösen würde. Die deutsche Gesellschaft von heute ist offener als noch vor einigen Jahrzehnten. Allerdings bleiben viele Zuwanderer nicht nur auf aktive Fördermaßnahmen des Staates angewiesen, auch ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft ist ebenso unabdingbar für eine erfolgreiche Integration. Erst wenn die Gesellschaft begreift, dass nicht jede Subkultur eine bedrohliche Parallelgesellschaft darstellt, wie Ministerpräsident Kretschmann völlig zu Recht anmerkte, haben wir ein Klima, in dem Vielfalt wirklich zusammenwachsen kann.
Die jüdische Gemeinschaft hat in mehrfacher Hinsicht ein Interesse an einer erfolgreichen Integrationspolitik. Zum einen leidet ein großer Teil unserer Gemeindemitglieder unter der Nichtanerkennung ausländischer Ausbildungsabschlüsse. Hierdurch ist eine große Anzahl hoch qualifizierter Akademiker auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen, obwohl sie fähig und willens sind, selbst für ihren Lebensunterhalt und ihre Familien zu sorgen. Außerdem sind wir als religiöse Minderheit auf eine offene und tolerante Gesellschaft angewiesen. Das gilt nicht nur für die Mehrheitsgesellschaft mit ihren immer noch vorhandenen antisemitischen Klischees, sondern vor allem auch für solche moslemischen Kreise, in denen religiös motivierter Judenhass herrscht.
Wir wollen aber auch mit unserer Erfahrung zum besseren Erfolg künftiger Integrationspolitik beitragen. Nach der deutschen Vereinigung haben die jüdischen Gemeinden hierzulande einen existenziellen Beitrag zur Integration der Zuwanderer aus der Ex-UdSSR geleistet. Natürlich weist jede Migrantengruppe ihre spezifischen Merkmale auf und hat ihre besonderen Bedürfnisse. Allerdings hat unsere Gemeinschaft gezeigt, wie religiöse Gemeinden den Zuwanderern nicht nur ein geistiges und religiöses Zuhause in der neuen Heimat bieten, sondern ihnen auch entscheidend bei der Eingliederung in die deutsche Gesellschaft helfen können. Bei allen Schwierigkeiten, die bis heute bestehen, ist das ein Erfolgsbeispiel, zu dessen Nachahmung jeder herzlich eingeladen ist.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland