12. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2012 | 1. Adar 5772

Bilanz der Bildung

Erfolge und Herausforderungen des jüdischen Bildungswesens in der Bundesrepublik / Interview mit dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Prof. Salomon Korn

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 2
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 2
Bildung, jüdische wie allgemeine, durchzieht Professor Salomon Korns Lebenslauf wie ein roter Faden. 1943 im ostpolnischen Lublin geboren, kam er mit seinen Eltern nach Kriegsende in ein DP-Lager bei Frankfurt. Die Familie blieb in Deutschland, wo Korn Architektur und Soziologie studierte. 1976 promovierte er. 2006 verlieh ihm das Land Hessen den Titel eines Professors. Korn ist in vielen Bereichen des jüdischen Lebens engagiert. Neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und als Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist er auch Vorsitzender des Kuratoriums der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Darüber hinaus wirkt er als Kuratoriumsmitglied in zahlreichen Stiftungen und Organisationen.
Als Architekt hat er sich nicht zuletzt durch Entwurf und Bau des Jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt einen Namen gemacht. Korn weiß aber genau, dass auch geistige Gebäude auf einem festen Fundament stehen müssen. Daher kümmert er sich nicht nur um Inhalte jüdischer Bildung, sondern auch um deren materiellen Unterbau, ohne den eine weitere Expansion und eine langfristige Sicherung der bisherigen Erfolge nicht möglich sind. Die „Zukunft“ sprach mit Professor Salomon Korn über die Erfolge und die Herausforderungen des jüdischen Bildungswesens in der Bundesrepublik.

Herr Professor Korn, jüdische Bildung ist für die Zukunft einer jeden jüdischen Gemeinschaft unerlässlich. Wie ist es um jüdische Bildung in Deutschland heute bestellt?
Wir haben einen langen Weg zurückgelegt, sind aber noch nicht am Ziel. Nach drei Jahrzehnten intensiver Aufbauarbeit hat die jüdische Bildung in Deutschland eine neue qualitative Stufe erreicht. Wir haben Dutzende von Gemeinden mit regelmäßigem Religionsunterricht, ein Bildungsangebot für alle Altersstufen und engagierte Rabbiner. Wir sorgen auch für die Ausbildung von Fachkräften, die unsere Gemeinden in Zukunft betreuen können. Wir haben zwei Rabbinerseminare und die Hochschule für Jüdische Studien, an der 140 junge Menschen studierten. Nach dem Studienabschluss wird ein großer Teil von ihnen in die praktische Arbeit der Gemeinden gehen. Natürlich werden wir niemals das qualitative Niveau des deutschen Judentums vor der Schoa erreichen. Aber wir haben doch beachtliche Erfolge erzielt, Erfolge übrigens, an denen der Zentralrat der Juden in Deutschland, der die Hochschule und die beiden Rabbinerseminare mitträgt, einen entscheidenden Anteil hat.
Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass der bestehende Bedarf noch nicht gedeckt ist. Daher müssen wir auch in Zukunft danach streben, Bildung und Ausbildung weiter auszubauen.

Wird diese Aufgabe durch die jüngste Aufstockung des dem Zentralrat zur Verfügung stehenden Etats auf zehn Millionen Euro pro Jahr erleichtert?
Wir werden die neuen Mittel zur Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland einsetzen – Bildungswesen eingeschlossen. Aber der Zentralrat kann hier ohnehin nur flankierend fördern. In jedem Fall würden unsere Mittel niemals ausreichen, um den tatsächlichen Bedarf an Bildungs- und Ausbildungsprogrammen zu decken. Die jüdische Gemeinschaft als Ganzes muss versuchen, die ihr zur Verfügung stehenden Finanzmittel optimal einzusetzen und nach Möglichkeit neue Quellen zu erschließen.
Um einen effektiven Mitteleinsatz zu sichern, führt der Zentralrat gegenwärtig eine Erhebung unter den Gemeinden und Landesverbänden durch, um ihre Bedürfnisse zu ermitteln. Danach lässt sich die notwendige jüdische Bildungs- und Ausbildungsarbeit besser planen. Beispielsweise machen genauere Informationen über einzelne Altersgruppen die angemessene Aufstellung eines wirksameren Bildungsangebotes möglich: im Religionsunterricht für Kinder, in Jugendzentren und in den Synagogen, wo eher ältere Gemeindemitglieder zusammenkommen. Ich bin der Auffassung, dass der Rabbinerausbildung und der Ausbildung von Religionslehrern höchste Priorität zukommt. Gleichzeitig müssen wir aber ein ausgewogenes Bündel von Zielen und Maßnahmen verfolgen.
Die Zusammenarbeit mit jüdischen Partnereinrichtungen im Ausland bietet nicht nur den Vorteil einer engeren Vernetzung innerhalb der jüdischen Welt, sondern auch Synergieeffekte, die auf einen effizienteren Mitteleinsatz hinauslaufen. Wir haben Kooperationsvereinbarungen mit Rabbiner­seminaren in Europa und in Israel. Viele Studenten, die an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg die wissenschaftliche Grundlage für den Rabbinerberuf erlernen, setzen ihr rabbinisches Studium im Inland und Ausland fort. Unser Ziel ist es, dass sie aus dem Ausland zurückkommen. Umgekehrt gibt es Absolventen unserer Rabbinerseminare, die im Ausland tätig sind. Unsere Hochschule arbeitet wiederum mit Paideia, dem europäischen Institut für jüdische Studien in Stockholm, beim Studiengang „Jüdische Zivilisation“ zusammen. All das muss noch ausgebaut und systematisiert werden, aber wir sind auf einem guten Weg.

So wichtig Kooperation im akademischen Bereich ist: Wäre ein Ausbau des jüdischen Schulwesens in Deutschland nicht ein noch wichtigerer Beitrag zur Stärkung jüdischen Lebens? Jüdische Schulen schaffen bereits im jungen Alter eine Bindung an jüdische Kultur, einen jüdischen Freundeskreis und bauen das jüdische Bewusstsein auf, wie es keine Hochschule im späteren Alter zu tun vermag. Allerdings gibt es in ganz Deutschland nur einige wenige davon.
Mich muss niemand von der Bedeutung jüdischer Schulen überzeugen. Ich sehe das bei uns in Frankfurt. Unsere Schule – sie hat neben der Grundschule auch einen Gymnasialzweig – ist nicht nur eine wichtige Stütze für unsere junge Generation, sondern auch als Lehranstalt überaus erfolgreich und gehört zu den besten Privatschulen in Hessen. Auch viele nicht-jüdische Eltern wollen ihre Kinder auf unsere Schule schicken; wir haben lange Wartelisten. Allerdings brauchen Schulen eine Mindestanzahl an Schülern und sind deshalb nur in Großgemeinden denkbar – und von diesen gibt es in Deutschland nicht viele.

Lassen sich jüdische Bildung und Erziehung in kleineren Gemeinden in ausreichendem Maße aufrechterhalten?
Da muss ich an das geflügelte Wort von Ignatz Bubis denken: „Das Leben ist schön, aber teuer. Man kann es auch etwas billiger haben, aber dann ist es nicht mehr so schön.“ Das gilt auch für jüdische Bildung. Es wäre weltfremd zu glauben, dass alles überall finanzierbar ist. Der Trend zur Konzentration des Bildungswesens und des Kulturlebens in großen Gemeinden ist nicht neu, und ich glaube, dass er sich fortsetzt. Das bedeutet aber nicht, dass die kleineren Gemeinden aufgeben sollten. Und um zur Frage der Mittelbeschaffung zu kommen: Alle Gemeinden, kleinere wie größere, könnten mit Hilfe von Zuwendungen der öffentlichen Hand auf diesem Gebiet viel leisten.

Und welchen Grund sollte die öffentliche Hand haben, ihre Zuwendungen an die Gemeinden zu erhöhen?
Vergessen wir nicht, dass das in der NS-Zeit geraubte Vermögen der jüdischen Gemeinden in Deutschland im Rahmen des 1957 verabschiedeten Bundesrückerstattungsgesetztes nicht an die Nachfolgegemeinden übergeben wurde. In vielen Fällen hatten jüdische Gemeinden vor der NS-Zeit bedeutendes Eigentum an Immobilien und Grundstücken, das laufendes Einkommen sichergestellt hatte. Weil wir dieses Eigentum in den meisten Fällen nicht zurückerhalten haben, sind wir heute auf Subventionen angewiesen. Es wäre daher auch ein Stück historische Gerechtigkeit, wenn zumindest ein Teil der aus dem ehemals gemeindeeigenen Vermögen stammenden Einkommen den heutigen Gemeinden zugutekäme. Dann könnten wir auch im Bereich jüdischer Bildung und Ausbildung eine sichere Grundlage für die Zukunft schaffen.