01.02.2012

„Die gesamte Gesellschaft ist gefordert“

Der jüdische Zentralratspräsident Dieter Graumann zum Antisemitismus in Deutschland

BERLIN - Dieter Graumann, Präsident des Zentralsrats der Juden in Deutschland, hält ein Verbot der rechtsextremen Partei NPD für „unverzichtbar". „Das ewige Zögern und Zaudern ist das absolut falsche Signal nach außen", sagte Graumann im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Er sprach mit unserem Berliner Korrespondenten, Rasmus Buchsteiner, über die Ergebnisse der neuen Antisemitismusstudie.

SZ: Wissenschaftler warnen in einer Studie für den Bundestag vor einem verfestigten, tief verwurzelten Antisemitismus in Deutschland. Wie groß ist die Gefahr?

Graumann: Es gibt leider ganz sicher Antisemitismus in Deutschland, in der Mitte unserer Gesellschaft. Damit sollten wir uns sorgfältig auseinandersetzen. Ungefähr ein Fünftel der Menschen in Deutschland ist zumindest latent antisemitisch eingestellt. Das darf man nicht bagatellisieren.

SZ: Wie könnte die Antwort von Politik und Gesellschaft auf Antisemitismus aussehen?

Graumann: Es geht vor allem darum, den Rechtsradikalen, den Faschisten, die Strukturen zu nehmen. Ihnen muss die Möglichkeit genommen werden, sich zu entfalten. Die Behörden sollten genau dort aktiv werden, wo sich Faschisten heute tummeln und ihre menschenverachtende Ideologie verbreiten – insbesondere im Internet und in der Hooliganszene.

SZ: Laut Studie basiert der Antisemitismus in Deutschland häufig auf „tief verwurzelten Klischees" oder „schlichtem Unwissen" über das Judentum. Haben hier die Schulen versagt?

Graumann: Ich mag solche Pauschalurteile nicht. Es gibt in den Schulen sehr viel guten Willen, sehr gute Ansätze. Aber sie müssen sich noch mehr anstrengen, den antisemitistischen Haltungen und Klischees etwas entgegenzusetzen. Es kann bestimmt nicht hingenommen werden, dass „Jude" auf den Schulhöfen inzwischen zu einem Schimpfwort geworden ist. Da sind nicht nur die Lehrer gefordert, sondern die gesamte Gesellschaft. Es sind häufig gerade auch junge Muslime, die sich so betont judenfeindlich äußern. Ich erwarte von den islamischen Gemeinden und Gemeinschaften, dass sie sich stärker gegen Antisemitismus in ihren eigenen Reihen stellen. Antisemitismus in den muslimischen Gemeinschaften wird viel zu häufig tabuisiert. Ein Tabu nützt aber niemandem. Man darf sich nicht scheuen, dieses Problem viel offener anzusprechen.

SZ: Wie wichtig wäre ein NPD-Verbot für den Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland?

Graumann: Natürlich kann man Antisemitismus nicht mit einem Parteienverbot einfach aus der Welt schaffen. Aber es ist schon immens wichtig, denen das Handwerk zu legen, die Rassismus und Antisemitismus in unsere Gesellschaft tragen. Das Verbot der NPD kann nur ein Anfang sein, aber dieser Schritt ist unverzichtbar. Diese Partei nutzt die Parlamente als Plattform, sie wird staatlich subventioniert. Es ist höchste Zeit, der NPD all diese Privilegien zu nehmen. Das ewige Zögern und Zaudern ist das absolut falsche Signal nach außen.

SZ: Vor dem Gipfel gegen rechts heute bei Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich – was kann das Treffen bringen außer Symbolpolitik?

Graumann: Symbole sind sehr wichtig. Das Treffen kann ein starkes Signal, ein Fanfarenstoß gegen rechts sein. Dann wäre klar: Es gibt null Toleranz in der Gesellschaft für Antisemitismus und Rassismus. Aber dabei darf es nicht bleiben. Diesem Treffen müssen Taten folgen. Es geht auch um ein Stück neues Vertrauen in die Sicherheitsbehörden.

SZ: Haben die Ermittler im Fall der Zwickauer Zelle versagt?

Graumann: Wir wollen unseren Behörden doch vertrauen können. Deshalb müssen sie jetzt auch alle Fragen beantworten. Die Behörden sind bei der Aufklärung dieser schrecklichen Taten noch immer in den fortgesetzten Winterschlaf verfallen. Wir wissen immer noch nicht, wie es sein konnte, dass dieses braune Killerkommando zehn Jahre lang durchs Land ziehen konnte. Da muss jetzt schnell Klarheit geschaffen werden. Glaubwürdigkeit gewinnt man nur, wenn man mehr Transparenz zulässt – daran mangelt es derzeit offenbar.

Interview mit der Schwäbischen Zeitung am 24.01.2012

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Das Interview erschien auch noch in:

Wiesbadener Kurier | 01.02.2012

Gießener Anzeiger | 01.02.2012

Nordkurier | 01.02.2012

Rhein Neckar Zeitung | 01.02.2012

Ruhr Nachrichten | 01.02.2012

Schweriner Volkszeitung | 01.02.2012