12. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2012 | 3. Schwat 5772

Nur in Amerika

Jüdische Kadetten sangen zu Chanukka für Barack Obama

„Only in America“ – so lautet ein in den USA beliebter Spruch, mit dem Bürger der Vereinigten Staaten auf positive, negative oder auch nur amüsante Besonderheiten ihres Landes hinweisen. Natürlich treffen nicht alle Bonmots nur auf die USA zu. So kommt es nicht „nur in Amerika“ vor, dass sich Kunden eines Schnellrestaurants einen doppelten Hamburger mit fetttriefenden Pommes frites bestellen, dazu aber aus Gründen der Diät eine Cola light trinken – um nur einen bekannten Only-in-America-Spruch aufzuspießen. Was sich aber zu Chanukka 5772 am Amtssitz des amerikanischen Präsidenten abgespielt hat, verdient zweifelsohne das Prädikat „Nur in Amerika“: Bei einer Chanukka-Party im Weißen Haus lauschte ein christlicher US-Präsident, dessen Vater ein afrikanischer Muslim war, dem jüdischen Chor der Elite-Militärakademie West-Point, wobei die hebräisch singenden Kadettinnen und Kadetten teils Juden, teils Nichtjuden waren.
Unter den 4.500 Studiosi der berühmten West-Point-Akademie sind sechzig bis siebzig bekennende Juden. Das entspricht knapp dem jüdischen Anteil an der US-Bevölkerung, wobei Juden, die sich nicht als solche zu erkennen geben, den Prozentsatz etwas erhöhen dürften. Seit mehr als sechzig Jahren gibt es in West Point den jüdischen Kadettenchor, der auch für Nichtjuden offen ist. Beim letzten Lichterfest durfte der Chor für die Gäste einer von Präsident Barack Obama gegebenen Chanukka-Party singen. Nach einem Erinnerungsfoto bat das Staatsoberhaupt die 34 anwesenden Sänger auch um eine Privatvorführung für ihn und seine Frau Michelle. Rasch einigte man sich auf das Lied „Lo jissa Goj“ (Kein Volk wird gegen ein anderes Volk das Schwert erheben, Jesaja 2:4).
„Es war ein fantastisches Erlebnis“, schwärmte die Betreuerin des Chors, Susan Schwartz. Die Kadetten seien vor Freude „die Wände hochgeklettert“, nachdem sie vor ihrem Oberkommandierenden gesungen hatten. Auch der Dirigent und West-Point-Kadett Evan Szablowski war überwältigt. „Es war das Tollste, das wir je gemacht haben“, erzählte er anschließend der jüdischen Nachrichtenagentur JTA. Szablowski, selbst Nichtjude, sieht den Chor nicht nur als ein Mittel künstlerischen Ausdrucks, sondern auch als eine wichtige Einrichtung, die ihm ein besseres Verständnis der jüdischen Kultur ermöglicht. „Wenn ich eines Tages jüdische Soldaten habe“, erklärte der angehende Offizier, „werde ich besser auf sie eingehen können.“
Zum Abschluss schenkte der Rabbiner von West Point, Major Shmuel Felzenberg, dem Präsidenten eine aus Uniform-Stoff genähte Chor-Kippa. „Ich habe mehrere Jarmulkas“, bedankte sich Obama, wobei er das jiddische Wort für die traditionelle Kopfbedeckung benutzte. „Aber keine ist wie diese.“

JTA/zu