12. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2012 | 3. Schwat 5772

Der Dichterfürst und das Judendeutsch

Wie Johann Wolfgang von Goethe als Junge Jiddisch lernte

Von Roland Gruschka

Um den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ranken sich viele Mythen und Halbwahrheiten. Jiddisch soll er als Junge gelernt und in seinen Werken verwendet haben, genauer: Westjiddisch, die unter deutschen Juden seiner Zeit verbreitete Variante des Jiddischen. Keine Frage: Die im Hochmittelalter in Deutschland entstandene Sprache konnte zu Goethes Zeit gerade in ihrem westlichen Zweig bereits eine reiche und vielfältige Literatur – mit Druckorten wie Frankfurt am Main, Basel, Amsterdam, Verona – vorweisen, deren Studium einem universal gebildeten Geist wie ihm zur Ehre gereicht hätte.
Goethes Heimatstadt Frankfurt beherbergte die damals größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Untereinander sprachen die Frankfurter Juden westjiddische Dialekte, die sie als eine Form des Deutschen ansahen. Die Bessergestellten unter ihnen, die sich am christlichen Bildungsbürgertum orientierten, beherrschten auch Hochdeutsch und führten ihre Korres­pondenz gerne in einem stark an das Schriftdeutsch angeglichenen Jiddisch, das mit der Zeit durch Hochdeutsch in hebräischer Schrift abgelöst wurde. Gebildete Christen bezeichneten all dies undifferenziert als „Deutsch-Hebräisch“, „Judendeutsch“ oder schlicht als „Judensprache“.
Goethe beschäftigte sich im Laufe seines Lebens mehrfach mit dem Jiddischen, das er mal als „barock“, also seltsam, mal als „unheimlich“, mal als „pathetisch“ bezeichnete. Er habe als Junge versucht, sich „Judendeutsch“ anzueignen und in einem mehrsprachigen Briefroman zu verwenden, erzählte er 1811 in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“. Nach einem Eintrag im Haushaltsbuch der Familie Goethe erhielt ein gewisser „Christ-amicus“, zu Deutsch „Christfreund“, für das Unterrichten Wolfgangs in der „deutsch-hebräischen“ Sprache am 6. Juni 1761 einen Gulden und 30 Kreuzer als Honorar. Bei diesem Lehrer handelte es sich um den Unteroffizier Karl Christian Christfreund. Spärliche Hinweise in den Quellen legen nahe, dass er selbst und sein Vater getaufte Juden waren. In jedem Fall war Christfreund genug mit dem jüdischen Milieu vertraut, um als Lehrer für den jungen Wolfgang infrage zu kommen. Einen nicht zum Christentum übergetretenen Juden als Lehrer für den minderjährigen Sohn anzustellen – und sei es nur für Jiddisch –, kam Goethes Vater vermutlich gar nicht erst in den Sinn. Die gesellschaftlichen Schranken jener Zeit machten so etwas für die Mehrheit des deutschen nichtjüdischen Bürgertums undenkbar.
Daher waren es vor allem evangelische Theologen und Konvertiten, die gebildeten Lesern Auskunft über das Jiddische gaben. Um nur drei Namen von vielen zu nennen: Der getaufte Jude Gottfried Selig, Lektor für Hebräisch an der Universität Leipzig, schrieb 1767 eine „Kurze und gründliche Anleitung zu einer leichten Erlernung der Judensprache“. Der Französischlehrer Karl Wilhelm Friedrich, ebenfalls ein Konvertit, gab interessierten Christen Privatstunden im Jiddischen. 1784 veröffentlichte er ein umfangreiches Jiddischlehrbuch, das Sprachhistorikern bis heute als eine wertvolle Quelle gilt. Zu erwähnen ist auch die jiddische Grammatik des Theologen Wilhelm Christian Just Chrysander von 1750.
Mit Vorliebe warben die Verfasser solcher Schriften mit dem praktischen Nutzen von Jiddischkenntnissen bei ihrer Zielgruppe, zu der neben Theologen – allen voran Judenmissionaren – und Gelehrten auch Geschäftsleute, Anwälte und Gerichtsbeamte zählten, die zum Beispiel jüdische Briefe im Original lesen können wollten. Ähnliche Überlegungen könnten auch Goethes Vater bewogen haben, den Elfjährigen im „Judendeutsch“ unterrichten zu lassen: Schließlich sollte der Sohn später einmal Jurist werden. Das Honorar war für damalige Verhältnisse eher gering. Gemessen am üblichen Verdienst eines Hauslehrers entsprach es aber immerhin ein bis zwei Monatsgehältern. Länger als ein paar Wochen kann der Unterricht allerdings nicht gedauert haben, da das Haushaltsbuch keine weiteren Einträge darüber aufweist.
Wie eine vom jungen Wolfgang in dieser Zeit angefertigte „Anweisung zur teutsch-hebräischen Sprache“ im Umfang von zwei Seiten vermuten lässt, war sein Lernstoff begrenzt: Er lernte Hochdeutsch in hebräischen Buchstaben zu schreiben, dazu den Gebrauch dieser Buchstaben als Zahlen – also nur die elementarsten Grundlagen für das Lesen jüdischer Briefe. Er lernte jedoch weder Grammatik noch andere Besonderheiten des gesprochenen Jiddisch, wie sie Selig, Friedrich oder Chrysander zumindest in Ansätzen darstellen. Jiddisch war für Goethe wie für seinen Lehrer Christfreund und die meisten ihrer Zeitgenossen eben nicht mehr als ein „verdorbenes“, mit hebräischen Wörtern durchsetztes Deutsch in hebräischer Schrift, ein ‚regelloses‘ Gemisch, das sich daher auch nicht systematisch unterrichten lasse.
So überrascht es auch nicht, dass die Sprache von Goethes posthum erschienener, grotesker „Judenpredigt“ kein echtes Jiddisch ist, sondern ein künstliches Gemisch aus Frankfurterisch mit westjiddischen und vermeintlich jiddischen Wörtern und Ausspracheweisen, ein Pseudo-Jiddisch, wie man es auch bei Spottdarstellungen von Judengestalten auf deutschen Bühnen hören konnte. Die „Judenpredigt“ selbst ist eine politisch unkorrekte, komödiantische Solonummer, die Goethe Freunden oft zum Besten gab. Wenn der Messias komme, so ihr Inhalt, werde er alle Juden auf dem Rücken seines gewaltigen Schimmels durch das Rote Meer führen, die Christen hingegen, die sich auf den Schwanz des Pferdes gesetzt hätten, würden ins Meer fallen. So etwas las der junge Goethe in einer antijüdischen Polemik des Konvertiten Dietrich Schwab von 1615.
Nach den Maßstäben seiner Zeit war Goethe hochgebildet. Dennoch bleibt sein Wissen über das Jiddische und die Kultur der deutschen Juden deutlich hinter dem zurück, was er von Autoren wie Selig oder Friedrich hätte lernen können – wenn er ihre Schriften zur Kenntnis genommen hätte.

Professor Roland Gruschka ist Jiddist und lehrt an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg