12. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2012 | 3. Schwat 5772

Ernennung

Rabbiner Shlomo Bistritzky wurde in das Amt des Landesrabbiners von Hamburg eingeführt

Von Heike Linde-Lembke

Sie kamen aus New York, Brüssel und Berlin, aus Jerusalem, Tzfat (Safed) und Warschau, aus der ganzen Welt nach Hamburg. So viele Rabbiner und orthodoxe Gelehrte wie am 16. Januar 2012 hatte die Hamburger Synagoge an der Hohen Weide in den 50 Jahren ihres Bestehens noch nicht beherbergt. Israels Oberrabbiner, Rabbiner Jona Metzger, ebenso wie Rabbiner Moshe Kotlarsky von Chabad Lubawitsch aus New York war Hamburg eine Reise wert. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland nahm Generalsekretär Stephan J. Kramer an der Feststunde teil.
Anlass war die Amtseinführung von Rabbiner Shlomo Bistritzky als Landesrabbiner der Hansestadt. Besonders bewegend war aber die Anwesenheit von Rabbiner Loeb Bistritzky, Shlomo Bistritzkys Großvater: Er selbst hatte im Jahre 1937 vor dem Wahn des Nazi-Re­gimes aus Hamburg flüchten müssen. Damit hatte die einstimmige Ernennung des Enkels durch Vorstand und Beirat der Jüdischen Gemeinde Hamburg einen historischen Kreis geschlossen.
Wirklich fremd in Hamburg ist Shlomo Bistritzky, ein 34-jähriger Chabad-Lubawitsch-Rabbiner aus dem israelischen Tzfat, ohnehin nicht. Er war 2003 mit seiner Ehefrau Chani aus Israel nach Hamburg gekommen, um das Chabad-Lubawitsch-Zentrum der Elbmetropole aufzubauen. Nachdem der langjährige Landes- und Gemeinderabbiner Dov Levy Barsilay 2008 das Amt niedergelegt hatte, übernahm Bistritzky die Gottesdienste und war rasch aus der Gemeinde nicht mehr wegzudenken. Die nunmehr erfolgte Wahl zu Hamburgs Landesrabbiner ist daher ein Höhepunkt, nicht aber der Beginn seiner Tätigkeit in Hamburg.
„Bis vor Kurzem wollte ich gar nicht Landesrabbiner werden, doch als ich sah, dass der neue Vorstand und Beirat eine gute Arbeit leisten, habe ich einer Wahl zugestimmt“, sagt Bistritzky im Interview. Der Rabbiner sieht keinen Gegensatz zwischen seiner Aufgabe als Rabbiner einer Einheitsgemeinde und der eines Rabbiners der chassidischen Chabad-Bewegung: „Alle Juden sind gleich, und ich bin für alle offen.“ Hamburgs neuer Landesrabbiner verlässt aber seine Prinzipien nicht: „Meine Grenze ist die Halacha.“
Der Rabbiner, der gerade zum sechsten Mal Vater wurde, will die Gemeinde wieder stärker zusammenführen. Dabei will er auch solche in Hamburg lebenden Jüdinnen und Juden in die 3.000 Mitglieder zählende Gemeinde holen, die heute noch keine Mitglieder sind. Dazu gehören auch Israelis und Amerikaner. „Wir müssen attraktive Veranstaltungen bieten und Integrationsarbeit leisten“, sagt Bistritzky. Ein großes Problem sei die Unkenntnis des jüdischen Glaubens, ein Problem, dem er mit seiner Ehefrau Chani, Mathematik-Lehrerin an der Talmud-Tora-Schule, schon erfolgreich als Gesandter von Chabad Lubawitsch entgegengetreten sei.
Die Leitung des Chabad-Zentrums wird jetzt von einer jungen israelischen Familie unter seiner Obhut übernommen. „Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um wieder ein zukunftsorientiertes jüdisches Leben in Hamburg zu führen“, sagt Bistritzky. Und er will jüdisches Leben in Hamburg wieder als „normal“ verankern.
„Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch viel lernen. Ich wünsche Ihnen, wenn das Baby schreit, dass Sie das Buch schließen können und zu dem Baby wie auch zu Ihrer Gemeinde gehen“, sagte Jona Metzger, bevor er Shlomo Bistritzky einen neuen Tallit umlegte. Bistritzkys Kinder lernen übrigens dort, wo schon ihr Urgroßvater das ABC lernte: in der Talmud-Tora-Schule am Grindel – neben dem großen freien Platz, auf dem bis 9. November 1938 die prächtige Bornplatz-Synagoge stand. Sie wieder aufzubauen, scheinen mittlerweile einige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hamburg ihrem neuen Landesrabbiner zuzutrauen.