12. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2012 | 3. Schwat 5772

Aufgebaut

Lauder Yeshurun stärkt jüdische Identität in Deutschland durch Bildung und Kultur

Von Olaf Glöckner

Religiös, modern und westlich – passt das alles überhaupt zusammen? Josh Spinner (40) sieht da keinen Widerspruch. Im amerikanischen Baltimore geboren, lebt der vielseitig talentierte Rabbiner mit seiner Frau Joelle und den drei Kindern schon mehr als zehn Jahre in Berlin – und fühlt sich hier sehr wohl. Spinner läuft ab und an Marathon, hat Geschichte und Literatur studiert und spricht fließend Russisch. Hauptberuflich ist er geschäftsführender Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation und Gründungsdirektor der Lauder-Yeshurun-Organisation.
Die Lauder Foundation wurde 1987 von dem New Yorker Unternehmer, Diplomaten und Kunstmäzen Ronald S. Lauder als eine philanthropische Stiftung gegründet. Ihr Ziel ist es, jüdische Identität durch Bildung und Kultur zu stärken. Heute betreibt die Ronald S. Lauder Foundation Kindergärten, Schulen und Berufsschulen in 16 mittel- und osteuropäischen Ländern. In der Bundesrepublik wird die Arbeit der Stiftung von ihrem deutschen Ableger, Lauder Yeshurun, betreut.
„Nach Deutschland bin ich wegen meiner Russischkenntnisse gekommen“, witzelt Spinner – und hat damit gar nicht Unrecht. Denn Rabbiner Spinner und seine Mitstreiter arbeiten viel und intensiv mit russischsprachigen Zuwanderern zusammen. Auch die lokalen Gemeinden werden unterstützt – vom Jugendzentrum bis hin zum Laienkurs für Erwachsene.
Die Arbeit von Lauder Yeshurun begann zunächst unspektakulär. „Im Vorderhaus der Ostberliner Synagoge Rykestraße haben wir im Herbst 2000 die Yeshivas Beis Zion gegründet“, erinnert sich Josh Spinner. „Allmählich wuchs die Gruppe, und heute lernen hier permanent um die 50 Männer.“ Auch an Frauen wurde gedacht: 2001 eröffnete die Lauder Midrascha in Frankfurt am Main ihre Pforten. Nach wenigen Jahren kam sie ebenfalls an die Spree. 2005 entstand ein eigener Lauder-Yeshurun-Komplex in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, den der Arzt und Unternehmer Roman Skoblo großzügig fördert. Mittlerweile gibt es auch einen Lauder-Nitzan-Kindergarten und seit dreieinhalb Jahren die Lauder- Grundschule „Beth Zion“.
So konnte ein Umfeld entstehen, in dem um die 50 junge jüdische Familien ihr Judentum intensiv leben können. Julia Konnik (33), Mutter von vier Kindern und eine der aktivsten Damen bei Lauder Yeshurun Berlin, beschreibt die besondere Atmosphäre: „Wir haben hier Familien mit ganz unterschiedlicher soziokultureller Herkunft, es wird Deutsch, Englisch, Russisch und Iwrit gesprochen. Manche Frauen verstehen sich als orthodox, andere als traditionell und wieder andere als gar nicht religiös. Das Schöne ist, dass sie alle miteinander befreundet sind.“
Auch in Städten wie Köln, Freiburg und Leipzig wurden Bildungsprojekte von Lauder etabliert und gut angenommen, während in der Bundeshauptstadt Berlin ein unabhängiges Rabbinerseminar – benannt nach dem berühmten Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820–1899) – seine Arbeit aufnahm. „Das sind wunderbare Entwicklungen“, freut sich Rabbiner Spinner. „Wir verstehen uns als ein Katalysator. Wir haben Lehrkräfte, Strukturen und das Potenzial, um die Menschen zu einem selbstbewussten Leben in der jüdischen Tradition zu ermuntern.“
Das Rabbinerseminar zu Berlin, das eng mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und mit der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland zusammenarbeitet und in dem die Anforderungen an die Studierenden als sehr hoch gelten, bildet heute eine unverzichtbare Größe im neuen deutschen Judentum. Vor allem in Sachsen und in Brandenburg unterstützen die Studenten eine ganze Reihe von jüdischen Gemeinden, die bisher ohne Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer auskommen müssen. Die Zahl der angebotenen Kurse, Workshops und Tagesseminare wächst kontinuierlich.
Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist von diesem „breit gefächerten Bildungsangebot im Bereich des traditionellen und konservativen Judentums“ begeistert. Es gibt Angebote für junge Familien ebenso wie für Studenten und junge Erwachsene. Der Einsatz neuer Medien verbessert die Kommunikation. „Jeder kann bei Lauder etwas für sich finden, und trotzdem sind die Programme nicht beliebig“, betont Kramer. Ein Grund mehr für den Generalsekretär, sich im internationalen „Board of Trustees“ (Kuratorium) der Lauder Foundation zu engagieren, wo er eine „inspirierende, kreative und ergebnisorientierte Zusammenarbeit, eben Tacheles“ erlebt.
Die Früchte der beharrlichen und ausdauernden Bildungsarbeit von „Lauder Yeshurun“ kann man mittlerweile auch im sächsischen Leipzig sehen. Mit ihren 1.300 Mitgliedern ist die Israelitische Religionsgemeinde (IRG) keine Großgemeinde. Trotzdem kommt hier täglich zweimal ein Minjan zustande – was es sonst nur in einem halben Dutzend etablierter Gemeinden im Westen gibt. In Leipzig wird das religiöse Leben maßgeblich von zwei jungen Männern geprägt: Rabbiner David Chandalow (31) entstammt einer weißrussischen Zuwandererfamilie und leitet das von Lauder geförderte Tora-Zentrum – ein beliebter Treffpunkt von Teenagern aus unterschiedlichsten jüdischen Familien. Der neue Gemeinde-Rabbiner von Leipzig, Zsolt Balla (32), kommt ursprünglich aus Budapest und gehörte 2009 zu den ersten Absolventen des Hildesheimer Rabbinerseminars. In früheren Jahren auch Judo-Champion und Basketballspieler und bis heute leidenschaftlicher E-Gitarrist, pflegt der Rabbiner einen unkonventionellen, freundlichen und direkten Umgang. Das kommt an bei den Menschen: Allein am zweiten Januar-Wochenende holten sechs jüdische Ehepaare aus der früheren Sowjetunion, die unter Hammer und Sichel nur standesamtlich heiraten konnten, in der Leipziger Synagoge Keilstraße ihre jüdische Trauung nach. Freudestrahlend hielten sie ihre Ketubot (Eheverträge) in den Händen, während Rabbiner Balla betonte: „Wir alle lernen voneinander. Willkommen ist jeder, der unsere Gemeinschaft sucht.“