12. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2012 | 3. Schwat 5772

Die Botschaft vom 27. Januar

Die Völkergemeinschaft hat nur zum Teil aus dem Holocaust gelernt

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 1
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 1
Von Dieter Graumann

Die internationale Öffentlichkeit hat Jahrzehnte gebraucht, um sich wirklich ernsthaft mit der Schoa auseinanderzusetzen. Vielleicht musste doch erst eine neue Generation heranwachsen, die den Mut hatte, nach den Ursachen für die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ und für deren unfassbare Unmenschlichkeit zu fragen. Inzwischen ist das Holocaust-Gedenken, zumindest in den westlichen Demokratien, ein integraler Teil jeder politischen Kultur. Im November 2005 führte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Internationalen Holocaust-Gedenktag ein und legte ihn auf den 27. Januar – den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. In diesem Jahr wird der Gedenktag zum sechsten Mal begangen.
Das Gedenken an die Schoa-Opfer bleibt wichtig bis ans Ende aller Zeiten. Freilich darf es nicht bloß zu einem Ritual erstarren. Das erkannten auch die Väter der UNO-Resolution. Die Erinnerung an die Toten des Holocausts, so der Beschluss der Weltorganisation, solle auch dazu beitragen, dass sich ein Völkermord künftig nicht wiederhole. Daher ist der 27. Januar ein passender Anlass für die Frage, inwieweit dieser Gedanke denn auch verinnerlicht worden ist.
Auf der positiven Seite der Bilanz können wir vermerken, dass die Demokratien heute ernsthaft versuchen, den Antisemitismus einzudämmen und ihm entgegenzuwirken. Allerdings dürfen wir uns im Kampf gegen antisemitische Propaganda keine Pausen gönnen. Der Ungeist des Judenhasses wird offenbar leider niemals untergehen und bleibt immer gefährlich. Daher sind Politik und Gesellschaft gehalten, die Mahnung „Wehret den Wiederholungen“ immerzu sehr ernst zu nehmen.
Allerdings geht die größte physische Bedrohung, der sich Juden heute gegenüber sehen, gar nicht von Judenhassern in Europa, sondern von jenen im Nahen und Mittleren Osten aus. Fanatiker dort fordern und planen unbelehrbar die Auslöschung Israels. Ihrem bösartigen Treiben hat die Völkerfamilie noch immer keinen wirklichen Riegel vorgeschoben. Das gilt speziell für das iranische Regime, das ungerührt daran arbeitet, seine Vernichtungsdrohungen gegen Israel nuklear doch noch realisieren zu können.
Das Versagen der internationalen Staatengemeinschaft gegenüber dem fanatischen Ajatollah-Regime ist aber nicht nur strategischer, sondern auch moralischer Natur. Trotz seiner unverhüllten Völkermordpläne bleibt der Iran zu häufig ein weltweit akzeptierter Partner – auch im Westen. Iranische Politiker bereisen munter den Globus und werden dabei ehrwürdig von Politikern empfangen. Zu viele Firmen, gerade und ausgerechnet auch in Deutschland, betreiben gewissenlos ihre Geschäfte mit dem Regime, das den Judenhass zur Staatsräson erklärt hat. Auch andere Kräfte in der islamischen Welt, wie etwa die Hamas, die Israel erklärtermaßen von der Weltkarte löschen wollen und deren Charta die Verfolgung aller Juden weltweit vorgibt, sehen sich keineswegs einer universalen Ächtung gegenüber. Das ist nach wie vor erschreckend, ja, das bleibt ein alarmierendes Signal.
Wie kann man sich da wundern, dass die Israelis der Völkergemeinschaft oft allenfalls nur sehr bedingt trauen? Die Grundannahme der israelischen Politik lautet, dass Freundschaften zwar wichtig sind, Israel aber bereit sein muss, seine Schicksalsschlachten im Notfall auch ganz alleine zu fechten – genauso wie es der jüdische Staat in der Vergangenheit schon tun musste. Die akute Bedrohung Israels erlegt auch dem jüdischen Volk außerhalb der Grenzen Israels eine ganz besondere Verantwortung auf. Unsere Unterstützung für Israel ist daher weiterhin unerlässlich und ungebrochen. Sie ist keine Frage der Ideologie, sondern des Anstands, ein Engagement der jüdischen Seele – denn alle Juden der Welt sind füreinander verantwortlich. Seit der Schoa hat dieser alte Grundsatz eine ganz neue Dimension und moralische Tiefe erhalten.
An dem Gedenktag muss auch die Frage gestellt werden: Wäre der Holocaust denn vermeidbar gewesen? Schließlich ereignete sich der Mord an sechs Millionen Juden nicht in luftleerem Raum. Der „Endlösung“ war jahrelange Duldung des Hitler-Re­gimes durch die Großmächte der damaligen Zeit vorausgegangen. Nach gängiger Geschichtsschreibung gipfelte die westliche Beschwichtigungstaktik im Münchner Abkommen vom 30. September 1938, mit dem die Tschechoslowakei von ihren Schutzmächten Frankreich und Großbritannien dem „Dritten Reich“ als wehrloses Opfer überlassen wurde. In der Tat war das ein schändlicher, geradezu unverzeihlicher Verrat. Gelegenheiten, Hitler schon früh in seine Schranken zu weisen, waren bereits in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft verpasst worden. Auch Josef Stalins Sowjetunion hatte sich, getrieben von einer fatalen Mischung aus Naivität und berechnender Bösartigkeit, mächtig verschätzt und dem Nichtangriffspakt mit Hitlers Deutschland Glauben geschenkt.
Gewiss: „Alternative Geschichte“ lässt sich nur in Science-Fiction-Romanen schreiben und nicht im echten Leben. Allerdings können wir aus Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernen. In diesem Fall lautet die Lehre: Vorauseilende Kapitulation vor Aggressoren endet im Fiasko. Deshalb darf sich die freie Welt mit Diktaturen, die sie bedrohen, niemals arrangieren. Schon gar nicht darf sie sich darauf verlassen, dass sich die Aggression der Menschenverächter nur gegen vermeintlich „unwichtige“ Bevölkerungsgruppen oder Ziele – wie etwa die Juden – oder „unwichtige“ Länder richtet. Nicht minder verheerend sind Versuche von Weltmächten, vor den Karren ihrer kurzfristigen Interessen solch unberechenbare Aggressoren zu spannen. So unterschiedlich die historischen Umstände sein mögen, so gibt es auch Konstanten, nämlich den ausgeprägten Spürsinn von Diktatoren für die offenkundige Schwäche freier Gesellschaften und ihre Neigung, sich im Kampf gegen die Freiheit zu verbünden. Und natürlich leiden die von ihren „eigenen“ Diktatoren beherrschten und unterdrückten Bürger der Schurkenstaaten ganz besonders.
Als Juden sind wir verpflichtet, zum Schutz unserer Glaubensschwestern und Glaubensbrüder, wo immer diese leben mögen, zu handeln. Als Vertreter einer Religion, einer Gemeinschaft und einer Kultur, die universelle moralische Werte entwickelt hat, müssen wir uns aber auch für das Wohl aller Menschen einsetzen. Ohne die Singularität der Schoa jemals im Leben zu verkennen, können wir nicht schweigen, wenn anderen Völkern Tragödien drohen, wenn andere Bevölkerungsgruppen in Bedrängnis geraten und Freiheit sowie Rechte einzubüßen drohen, von Schlimmerem ganz zu schweigen. „Tikkun Olam“ – die Verbesserung der Welt – bleibt unser ganz großer moralischer Anspruch. Versuchen wir selbst, ihm gerecht zu werden – und hoffen wir darauf, dass andere sich uns anschließen werden. Das ist eine Botschaft für uns alle am 27. Januar.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland