03.01.2012

Dr. Dieter Graumann zu Demonstrationen ultraorthodoxer Juden in Israel.

«Die Bilder haben mich schockiert»

Interview mit Dr. Dieter Graumann, Mitteldeutsche Zeitung, 02.01.2012

Köln/MZ. Die Demonstrationen ultraorthodoxer Juden in Israel werden auch in Deutschland diskutiert. Michael Hesse hat für die MZ mit Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, gesprochen.

Verstören Sie die Bilder der Demonstration der ultraorthodoxen Sekte Eda Haredit, die gefesselte Kinder mit gelben Judenstern auf einen Transporter zeigen - aus Protest gegen das säkulare Israel?

Graumann: Die Bilder haben mich schockiert. Und ich schäme mich sogar dafür, dass ausgerechnet Juden so etwas machen und ein Zerrbild des Holocaust liefern -, das ist geschichtslos und geschmacklos. Ich möchte aber betonen, dass dies nur von einem ganz winzigen Teil der Gesellschaft in Israel ausgeht, der radikal ist und widerliche Bilder produziert. So etwas steht keineswegs für die israelische Gesellschaft als solcher.

Auch für die Erinnerungskultur der Deutschen sind die Bilder verstörend.

Graumann: Wir Juden in Deutschland sagen ja stets, dass man die Erinnerung des Holocaust nicht missbrauchen darf. Wenn das nun Juden machen ist das ganz besonders schändlich.

Ein rechtliches Problem ist der Status der Frau im religiösen oder quasi-religiösen Bereich Israels. Im Scheidungsrecht gibt es de facto keine Gleichheit. Muss die israelische Politik hier nicht langsam umdenken?

Graumann: Ich möchte dem israelischen Staat von Deutschland aus keine Ratschläge erteilen. In Israel steht der Status der Religion hoch, gerade das Familienrecht. Wenn man sich den Alltag anschaut, werden Frauen aber nicht diskriminiert. Es gab zum Beispiel eine starke Ministerpräsidentin und auch generell genießen Frauen eine starke Stellung in der Gesellschaft. Bei orthodox Religiösen wird das differenziert gesehen. Aber in der katholischen Kirche gibt es ja auch keine Frauen im Priesteramt.

Israel wird auch durch die Präsenz der Feinde zusammengehalten. Drohte dem Land sonst ein innerer Kulturkampf?

Graumann: Es gibt in der Tat eine große Spannung zwischen säkularen und religiösen Israelis. Es spricht aber für die plurale Gesellschaft in Israel, dass solche Spannungen auf demokratische Weise gelöst werden: durch Wahlen und Mehrheitsentscheide. Gewiss schweißt die äußere Bedrohung Israel zusammen. Immer wenn es Spannungsfelder gab, sind sie letztlich durch demokratische Prozesse gelöst worden. Auch diesmal wird es gewiss nicht anders sein.