11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

Für andere da sein

Beim Berliner Limmud-Tag stand das Ehrenamt im Mittelpunkt

Freiwillige Tätigkeit zugunsten des Nächsten und der Gemeinschaft – das Ehrenamt – ist ein zentrales Gebot des Judentums. Auch in Deutschland engagieren sich Freiwillige im Leben der Gemeinden und tragen zum Wohl ihrer Mitmenschen bei. Allerdings ist das Ehrenamt nicht frei von Spannungen: Die Arbeit verlangt den Freiwilligen nicht nur guten Willen, sondern auch viel Zeit ab. Und sie muss richtig organisiert werden, damit sie maximalen Nutzen bringt. Kurzum: ein wichtiges, aber kein einfaches Thema. Genau deshalb haben sich die Veranstalter des „Limmud-Tages“ in Berlin entschlossen, es in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Veranstaltung zu stellen.
Soziales Engagement, erläuterte Rabbiner Dani Fabian von der Berliner Lauder Midrascha vor den rund einhundert Teilnehmern, die sich im Centrum Judaicum zusammengefunden hatten, ist ein Gebot der Tora. Hilfe und Unterstützung, die wir anderen gewährten, seien ein Beitrag zur Erfüllung des biblischen Gebotes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Sich nicht zu engagieren, werde in den talmudischen Pirke Awot (Sprüche der Väter) dagegen mit der Zerstörung des Landes gleichgesetzt.
Ein knappes Dutzend Projekte und Organisationen stellte ihre Arbeit vor und schilderte, wo und wie unentgeltlich arbeitende Freiwillige einen Beitrag zum jüdischen Leben leisten können. Vertreter der Talmud-Tora-Schule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erläuterten die Bedeutung von Bikur Cholim (Krankenbesuchen) und erklärten, wie grundlegend wichtig die Chewra Kadischa, die Beerdigungsbruderschaft, für eine jüdische Gemeinde sei. Miriam Rosengarten, Mitglied des Vorstandes der Synagoge Oranienburger Straße beschrieb ihre Aufgaben als Gabbait (Synagogenverwalterin) bei Vorbereitung und Durchführung der Gottesdienste. Tina Adlersztejn, Vertreterin der zionistischen Frauenorganisation WIZO erklärte, worin ihr Engagement für Israel besteht. So wurde nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Vielfalt des jüdischen Ehrenamtes deutlich.
Deutlich wurde leider auch, dass die Zahl ehrenamtlicher Helfer für den großen Bedarf nicht immer ausreicht. „Gibt es keine Ehrenamtlichen im Pflegeheim der Gemeinde?“, fragte eine Teilnehmerin, die dort regelmäßig eine bettlägerige Verwandte besucht und bei dieser Gelegenheit auch Kontakt zu anderen Pflegebedürftigen hat. Die Menschen, bemängelte sie, seien zwar medizinisch gut versorgt, aber einige bekämen monatelang keinen Besuch. Allerdings musste sie einräumen, dass auch sie sich erst zum Engagement entschlossen hatte, als das Problem in ihrem Familienkreis akut wurde.
In der Berliner Gemeinde, wurde erklärt, seien die meisten freiwilligen Mitarbeiter der Sozialabteilung bereits Rentner, manche sogar in fortgeschrittenem Alter. Dagegen fehle es an jungen Menschen. Die meisten Initiativen und Vereinigungen müssten mit wenigen Aktiven auskommen. Die WIZO mache die Erfahrung, dass das früher selbstverständliche Engagement junger jüdischer Frauen heute nicht mehr vorausgesetzt werden könne, berichtete Tina Adlersztejn. „Wir mussten uns was einfallen lassen.“ So schenkte die WIZO jüdischen Frauen in Berlin zur Hochzeit ein Jahr lang eine Schnupper-Mitgliedschaft, und bemühten sich darum, ein attraktives Programm anzubieten: Kunstauktionen, Patenschaftsgalas, Modenschauen, Konzerte und Buchvorstellungen.
Das jüdische Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES) will junge Menschen frühzeitig in freiwillige Tätigkeit einbinden und macht diese zum Teil des Förderprogramms. Nadine zum Beispiel war in einer Antirassismusgruppe aktiv, macht Musik in einer Band, hat in der Gemeinde mitgearbeitet, ist bei „Jung und Jüdisch“ aktiv und will nun eine Wohngemeinschaft für jüdische Studenten aufbauen. Auch Limmud selbst wird ausschließlich ehrenamtlich getragen: Für das nächste große Lernfestival, das die Initiative vom 17. bis 20. Mai 2012 plant, werden deshalb noch Freiwillige gesucht.
hpk