11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

Der große Raub

Ausstellung bietet Einblicke in die „Arisierung“ jüdischen Vermögens in Thüringen

Es war typisch für das Naziregime, seine Verbrechen in beschönigende Begriffe – neutrale, wenn nicht gar positiv besetze Wörter – zu kleiden. Dazu gehört auch die Zwangsenteignung der deutschen Juden, die bereits kurz nach der Machtergreifung durch die NSDAP einsetzte. Dafür haben die Nazis den Begriff „Arisierung“ erfunden: nach ihrer Lesart die Überführung jüdischen, also unrechtmäßigen Besitzes in „arisches“, also vermeintlich legitimes Eigentum. „Arisierung“ war ein integraler Teil der völligen Entrechtung der Juden während der Nazizeit. Leider werden Ausmaß und Bedeutung bis heute von großen Teilen der Öffentlichkeit nicht richtig erkannt. Umso wichtiger sind Versuche, den Raub jüdischen Eigentums als das Verbrechen begreiflich zu machen, das er in Wirklichkeit war. Ein solcher Versuch ist die dieser Tage in Erfurt zu besichtigende Wanderausstellung „Arisierung in Thüringen – Ausgegrenzt. Ausgeplündert. Ausgelöscht“. Bisher wurde sie in 22 Orten in dem Bundesland gezeigt.
Das Konzept wurde von Monika Gibas, Historikerin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Leiterin eines Lehr- und Forschungsprojektes zur „Arisierung“ entwickelt. Ein Kernpunkt ist die Tatsache, dass viele in Deutschland die Zwangsenteignung der jüdischen Bürger nicht nur in Kauf nahmen oder gar begrüßten, sondern sich am jüdischen Eigentum, das sie für Pfennige erwerben durften, gern bereicherten. Ihrerseits hatten die jüdischen Inhaber keine andere Wahl, als ihr Hab und Gut zum Spottpreis zu verkaufen. Am 1. Januar 1939 wurde der Raub perfekt gemacht. Auf Grund des sogenannten Arierparagraphen durften Juden überhaupt nichts mehr besitzen – weder Häuser, noch Geschäfte oder Produktionsbetriebe, ja nicht einmal Geld auf ihren Konten. Die Ausstellung belegt auch einen weiteren entscheidenden Aspekt: den äußerlich geordneten Gang, den der Raub damals nahm. Wirtschaft und Bürokraten wickelten die Enteignung ruhig und geschäftsmäßig ab. In Thüringen, um das es bei der Ausstellung geht, wurde die „Arisierung“ besonders massiv vorangetrieben. Die Ausstellung macht deutlich, dass Teile der Bevölkerung die sofortige „Entjudung“ wollten. Das war ein Weg, um auf einfache Weise wirtschaftliche Konkurrenz auszuschalten.
Die Ausstellung verzichtet auf laute Töne. Sie ist betont sachlich gehalten und lässt die Exponate sprechen. Diese sind es denn auch, die beim Besucher Zorn, Unverständnis, Betroffenheit und Trauer bewirken. Zum Beispiel der am 1. April 1933 erlassene Boykottaufruf gegen jüdische Kaufhäuser, Geschäftsleute und Ärzte. „Wir fanden erstaunlich viel Material in den Stadtarchiven, im Weimarer Hauptstaatsarchiv und beim Oberfinanzpräsidium“, erläutert Projektleiterin Gibas.
Auch Zeitzeugen kommen zu Wort. Etwa David Littman, dessen Aussage sich im Begleitbuch zur Ausstellung findet. „Ich kam als wohlhabender Mensch nach Erfurt und ging als ausgeplünderter Jude davon“, so Littman, der 1928 die Mohrenapotheke in Erfurt gekauft hatte. Fünf Jahre später postierten sich SA-Männer davor und schüchterten seine Kunden ein. Der erzwungene Verkauf der Apotheke brachte der Familie gerade mal 9578 Reichsmark ein. Im September 1936 wanderten die Lippmanns dann zunächst nach Italien aus. Später konnte der gebürtige US-Bürger gemeinsam mit Frau und Kindern in sein Geburtsland USA entkommen.
Es gibt weitere Beispiele. Das populärste und erfolgreichste Kaufhaus Thüringens, der „Römische Kaiser“ in Erfurt, gehörte bis zum Zwangsverkauf der Familie Pinthus. Eigentümer der Waffen- und Fahrzeugwerke in Suhl waren Mitglieder der Familie Simson. Inhaber der metallverarbeitenden Ruppelwerke in Gotha und Saalfeld war vor der erzwungenen Veräußerung der Kaufmann Erich Ruppel. In Thüringen seien allein 1938 einhundert jüdische Betriebe „arisiert“ worden. Insgesamt waren 650 Familienbetriebe betroffen.
Der Erfurter Standort der Wanderausstellung ist der ehemalige Sitz der Firma „Topf & Söhne“, desjenigen Unternehmens also, das die Öfen für Auschwitz baute. Heute dient das Gebäude als Erinnerungsort. An seiner Fassade ist in großen Lettern der Geschäftsgruß aus einem damaligen Schreiben des Unternehmens zu sehen: „Stets gern für Sie beschäftigt“. Das hat Annegret Schüle, Historikerin und Leiterin des Erinnerungsortes, veranlasst.
Die Sonderausstellung korrespondiert mit der Dauerausstellung am Erinnerungsort „Techniker der Endlösung – Topf & Söhne – die Ofenbauer von Auschwitz“. Museumsleiterin Schüle beschäftigt sich mit den Planern und Erbauern der Verbrennungsöfen bereits seit zehn Jahren und hat dazu ein wichtiges Buch veröffentlicht: „Industrie und Holocaust“. Darin hat sie nachgewiesen, dass der industrielle Massenmord in Auschwitz ohne die Erfurter Verbrennungsöfen und die Gaskammer-Entlüftungstechnik in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Die Verbindung der beiden Ausstellungen symbolisiert auf makabre Weise einen weiteren historischen Zusammenhang: Die Bereicherung, die für zahlreiche deutsche Firmen mit der „Arisierung“ begann, ging für viele mit der „Endlösung der Judenfrage“ weiter, sei es durch die einträgliche Beschäftigung der todgeweihten jüdischen Arbeitssklaven, sei es durch Zulieferungen an die nationalsozialistische Mordmaschinerie.
Die Sonderausstellung wird noch bis zum 13. Januar 2012 zu sehen sein. Den Abschluss wird am letzten Tag ein Podiumsgespräch bilden. Zum Thema „Wirtschaft und Ethik – eine Zukunftsfrage“ werden miteinander diskutieren: Dieter Bauhaus, Präsident der Industrie- und Handelskammer Thüringen, Olaf J. Schuman, Professor für Wirtschaftsethik in Kassel und der Rektor des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs, Rabbiner Walter Homolka.
Esther Goldberg