11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

Fast schon normal und doch ein Wunder

In Bamberg fand die sechste Rabbinerordination Nachkriegsdeutschlands statt

Von Heinz-Peter Katlewski

Trommelwirbel, Trompetenfanfaren und Orgelklänge – auch dieses Mal begann der feierliche Gottesdienst des Abraham Geiger Kollegs zur Ordination neuer Rabbiner mit Tönen aus Georg Friedrich Händels Feuerwerksmusik. Standort der Feier war die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg.
Es war das vierte Mal, dass Absolventen der liberalen Rabbinerschule an der Universität Potsdam zu Rabbinern ordiniert werden – eine noch kurze Tradition, zugleich aber der Ausdruck einer anhaltenden Stärkung jüdischen Lebens in Deutschland. Das Kolleg bildet Rabbiner seit 2001 aus. Im September 2006 wurden die ersten Absolventen ordiniert. Rabbiner aus Deutschland - das war ein weltweit beachtetes Ereignis.
Auch drei Jahre später, als das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar auf seine ersten Absolventen stolz sein durfte, die das Rabbinerdiplom – die Smicha – erlangt hatten, rauschte der Blätterwald. Mittlerweile ist es ruhiger geworden, doch löst eine Rabbinerordination in Deutschland noch immer großes Interesse aus.
Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigte sich als Gast der Zeremonie erfreut. In seinem Grußwort erklärte er, einen Festtag für die jüdische Gemeinschaft erlebt zu haben. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann kam, und das Bayerische Fernsehen übertrug die Ordinationsfeier live.
Was sich nicht geändert hat, sind die interessanten Lebenswege der Absolventen. Rabbinerin Antje Yael Deusel trägt ein sympathisch rollendes 'R' auf der Zunge: Sie stammt aus Franken. Als Rabbinerin wird die 51jährige die Bamberger Gemeinde betreuen. Rabbinerin Deusel wurde 1960 in Nürnberg geboren, studierte Medizin, promovierte darin und praktizierte unter anderem an dem weltweit renommierten Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem. In der Bamberger Gemeinde ist sie seit vielen Jahren engagiert, zuletzt als zweite Vorsitzende. Auch heute noch Oberärztin an der Bamberger urologischen Klinik, reduzierte sie ihre Arbeitszeit, um Zeit für ihre jüdischen und rabbinischen Studien zu finden. Ihre wissenschaftliche Abschlussarbeit trägt beiden Berufungen Rechnung und wird im kommenden Jahr als Buch erscheinen: „Brit Mila – medizinische und halachische Aspekte“.
Jona Simon (33), Ehemann der im vergangenen Jahr ordinierten Oldenburger Rabbinerin Alina Treiger, wurde zwar im westfälischen Bielefeld geboren, wuchs aber in Gran Canaria auf. Das zuerst ergriffene Studium der Romanistik und der Sprachwissenschaft lag da nahe, doch schon bald entschied er sich, auf Judaistik umzusatteln und das Rabbinat anzustreben. Als so genannter Wanderrabiner eines der beiden niedersächsischen Landesverbände betreut er Gemeinden in Göttingen, Hameln und Hildesheim.
Der Weg von Rabbiner Yuriy Kadnikov (36) zur Rabbinerwürde begann in der ukrainischen Stadt Evpatoria auf der Krim und führte zunächst nach Moskau zu einem zwei Jahre währenden Kurs für Leiter jüdischer Gemeinden. Dort wurde er „entdeckt“ und zum Studium nach Potsdam empfohlen. Er ist nun in der der Jüdischen Gemeinde von Mönchengladbach tätig.
Der studierte Jazzmusiker Paul Strasko (39) entschied sich erst nach einer beruflichen Karriere im amerikanischen Gesundheitswesen und einer spirituellen Entwicklung am Temple Beth Am von Seattle für das Rabbinat. Ihn trieb es von der amerikanischen Westküste nach Deutschland. Als Rabbiner wird er die Liberale Jüdische Gemeinde von Genf betreuen. Sein Kollege Yann Boissière (49) dagegen kehrt zurück nach Paris und zwar zum Mouvement Juif Liberal de France. Er hat bereits acht Jahre lang als Leiter einer Religionsschule gearbeitet.
Damit gehen zwei der fünf Neuen „in den Export“ um Dieter Graumanns Formulierung aufzugreifen. Der Zentralratspräsident wünschte sich, dass das Geiger-Kolleg wie das orthodoxe Hildesheimersche Seminar Rabbiner auch für andere Länder ausbilden. Die Bezeichnung „Rabbiner made in Germany“ solle zu einem Exportschlager werden.
„Das geht ja jetzt wie’s Bretzelbacken“, kommentierte flapsig eine Beobachterin diese vierte Ordinationsfeier. Auch das orthodoxe Seminar hat bereits zwei Jahrgänge in den Gemeindealltag entlassen. Die Scheinwerfer für die Kameras werden wohl nicht mehr so oft leuchten, wenn Rabbiner ihre Smicha empfangen. Und gerade, dass eine Ordination in Deutschland normal zu werden scheint, ist ein Wunder.