11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

"Ich schämte mich zu sagen, mir sei kalt"

Teilnehmer des Jugendkongresses besuchten die KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Wie so vieles hierzulande, hat auch der thüringische Ettersberg eine doppelte Bedeutung in der deutschen Geschichte. Zum einen ist der windumwehte Höhenzug mit dem Namen Johann Wolfgang von Goethes verbunden. Zum anderen aber befand sich hier in der NS-Zeit eines der berüchtigsten Konzentrationslager des Naziregimes: Buchenwald. Schon bald nach seiner Errichtung im Jahre 1937 wurde es zu einem Inbegriff der Unmenschlichkeit. Nach der "Reichskristallnacht" wurden hier 10.000 deutsche Juden inhaftiert. Während des Zweiten Weltkrieges kamen jüdische Zwangsarbeiter aus Osteuropa auf den Ettersberg und in die Außenlager, darunter jüdische Häftlinge aus Auschwitz. Unter den schätzungsweise 56.000 Toten des Lagers waren Juden, gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtzahl der Häftlinge, weit überrepräsentiert: ein Ergebnis der gezielten Vernichtungspolitik der SS.
An diesem Freitagmorgen, dem 25. November 2011, sind die Teilnehmer des Jugendkongresses zur Gedenkstätte Buchenwald gekommen, um der Opfer zu gedenken. In Gruppen aufgeteilt, machen sie einen Rundgang über den Berg des Todes. Die Häftlingsbaracken wurden in den fünfziger Jahren abgebaut. So erstreckt sich die große Fläche in stummer Kahlheit. Zu den erhaltenen Gebäuden gehört unter anderem das "Arztzimmer", in dem 8.000 sowjetische Kriegsgefangene unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung per Genickschuss ermordet wurden. Auch das Krematorium ist erhalten. Hier erfahren die Besucher unter anderem, dass die Einäscherungszeit je Leichnam wegen Überbelastung von 60 auf 20 Minuten gekürzt wurde. Deshalb verblieben in der Asche, die die SS in den Fluss kippte, Teile von Menschengebeinen. Als diese von Anliegern entdeckt wurden, beschlossen die Mörder, die Leichen in Massengräbern zu entsorgen. Allerdings wurden "arische" Tote bis zum Schluss eingeäschert. Ihnen sollte nicht zugemutet werden, sich ein Massengrab mit jüdischen Leichen zu teilen.
Die jungen Menschen hören auch von den grausamen Schikanen der Lagerwachen. Von den Wachhunden, die SS-Männer auf Häftlinge, mit Vorliebe auf Juden, hetzten. Auf dem Appellplatz mussten die Häftlinge selbst im bitterkalten Winter stundenlang ausharren.
Als sich die Besucher am "Block 22" zur Gedenkfeier versammeln, steht ihnen die Erschütterung im Gesicht geschrieben. Der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, spricht zu ihnen. Zu Buchenwald hat Graumann eine besondere Beziehung. Im April 1945 wurde hier sein Vater Salomon, von Hunger und Krankheiten gezeichnet, befreit. Sein Schicksal hat den Zentralratspräsidenten, wie andere Kinder von Holocaust-Überlebenden, geprägt. "Für mich", so Graumann vor den jungen Menschen "ist jeder Tag Holocaustgedenktag". Einen Schlussstrich unter die Geschichte dürfe und werde es nicht geben. Allerdings dürfe jüdisches Leben nicht nur auf Trauer und Gedenken beruhen. Es gelte, eine sich immer erneuernde, zukunftsorientierte jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik aufbauen und ihre Existenz abzusichern. Deshalb sei es für ihn, so Graumann, besonders bewegend, an der Gedenkzeremonie zusammen mit Vertretern der jungen Generation teilzunehmen, der Generation, die für jüdische Zukunft stehe.
Die Anwesenden zünden Gedenkkerzen an und sprechen gemeinsam das Kaddisch. Der Kantor trägt die Totenfürbitte El Male Rachamim vor. Zum Abschluss der Zeremonie wird die Hatikva gesungen. Danach geht es zum Bus. Dort tauen die Teilnehmer erst einmal auf. Auf dem kahlen, windigen und Ende November kalten Ettersberg hatten sie gefroren. Beklagt hat sich aber niemand. Im Gespräch bekennen mehrere, sie hätten sich nicht getraut, diese kleine Unbequemlichkeit zu erwähnen. "Wie kann ich klagen, wenn ich weiß, dass die Häftlinge in dünnen Kleidern und Holzschuhen stundenlang in knöcheltiefem Matsch und Schnee dort gestanden haben?", fragt einer der jungen Leute. Stellvertretend für viele fügt er hinzu: "Ich schämte mich zu sagen, mir sei kalt."
wst