11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

Gemeinsamkeit der Generationen

Die diesjährige Tagung der Ratsversammlung und der Jugendkongress fanden in Weimar statt

Die jährliche Tagung der Ratsversammlung ist die wichtigste Veranstaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie dient der Beschlussfassung ebenso wie der Aussprache über grundlegende Probleme des jüdischen Lebens. Auch der vom Zentralrat und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) jährlich veranstaltete Jugendkongress ist ein Schlüsseltermin im jüdischen Kalender. In diesem Jahr wurden die beiden Veranstaltungen kombiniert. Vom 24. bis 27. November tagte in Weimar der Jugendkongress. Mit von der Partie waren auch zahlreiche Mitglieder der Führungsgremien des Zentralrats und der ZWST. Am letzten Tag war die Nachwuchsgeneration zur Vormittagssitzung der Ratstagung eingeladen.
Das Motto des Jugendkongresses „Jews – we can“ war mehr als eine Anspielung an den erfolgreichen Wahl­slogan von Barack Obama im Jahr 2008. Mit dieser Formulierung, so der Vorstandvorsitzende der ZWST, Ebi Lehrer, wurde die junge Generation zum Aufbruch auf allen Gebieten des jüdischen Lebens aufgerufen.
Im Laufe der vier Tage standen die Teilnehmer des Jugendkongresses und die Vertreter der älteren Generation in regem Austausch. Mehrere Mitglieder des Zentralrats-Präsidiums moderierten die im Rahmen des Jugendkongresses stattfinden Workshops. Sie informierten sich aber auch in vielen Einzelgesprächen aus erster Hand über die Stimmung und die Meinungen der jungen Generation. Mitglieder der beiden Rabbinerkonferenzen in der Bundesrepublik, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und prominente Referenten wirkten an dem Programm mit, bei dem jüdische Wissensvermittlung ebenso wie eine breite Palette von Fragen vom Verhältnis verschiedener Strömungen im Judentum über die Rolle der Jugend und Antisemitismus bis hin zur Lage im Nahen Osten im Blickfeld standen.
Dem Dialog diente auch eine Gesprächsrunde, bei der sich der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, den Fragen des Nachwuchses stellte. Dabei richteten die jungen Leute durchaus bohrende Fragen an den prominenten Gesprächspartner, etwa zur Problematik der Übertritte zum Judentum oder zur Arbeit des Zentralrats. Beide Seiten sprachen ihre Meinung offen aus. So etwa forderten mehrere Teilnehmer eine Erleichterung der Übertritte für Personen mit einem jüdischen Vater, auch durch orthodoxe Rabbiner, mussten sich aber sagen lassen, dass die Realität weitaus komplizierter als ihre Wunschvorstellung sei. Umgekehrt bemängelte Graumann das zu schwache Engagement der jungen Generation für Israel. Auch wenn man einander nicht zu überzeugen vermochte, so waren der Präsident wie die jungen Menschen von der offenen, aber nie verletzenden Aussprache angetan. So war es verständlich, dass die beiden Schirmherren des Jugendkongresses, Graumann und Lehrer, mit seinem Verlauf zufrieden waren.
Das Miteinander der Generationen verlieh dem Jugendkongress eine besondere Dimension. Die Tage in Weimar glichen, wenn man so will, einem Familienfest. Es war eben diese Atmosphäre, die dem Ereignis weit über die formalen Inhalte hinaus seine Bedeutung verlieh. Und wie eine große Familie - diesmal in Trauer vereint – neigten die Teilnehmer am zweiten Tag des Kongresses ihr Haupt an der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. (s. S. 4).
Allerdings hat die junge Generation nicht nur dem Ernst des Lebens gebührend Respekt gezollt. Vielmehr hatten die aus allen Ecken des Landes angereisten jungen Menschen – ohne die "Altvorderen" – auch Spaß, nicht zuletzt bei der großen Party, die sie nach Schabbat-Ausgang feierten.
Am Sonntag, dem 27. November widmete sich dann die Ratskonferenz, zu der Delegierte aus allen Teilen der Republik gekommen waren, der Tagesordnung des Zentralrats. Dabei wurde die Abwicklung des Etats der Organisation von der dafür eingesetzten Prüfungskommission als uneingeschränkt korrekt bezeichnet und gelobt. Ihrerseits sprachen die Delegierten dem Präsidium ohne Gegenstimmen die Entlastung aus.
In seinem Bericht ging Graumann unter anderem auf die neuen Perspektiven ein, die sich dem Zentralrat dank des neuen Staatsvertrages bieten (s. S. 1) und setzte sich für ein offeneres, frischeres Auftreten des Zentralrats in der deutschen Öffentlichkeit ein. Im Hinblick auf die aktuelle politische Lage erneuerte Graumann die Forderung des Zentralrats nach einem Verbot der rechtsextremistischen NPD und einen „Ruck gegen Rechts“.
Graumann würdigte vor den Tagungsteilnehmern die erfolgreiche Arbeit des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, und des ZWST-Direktors, Benny Bloch. Der Präsident bedankte sich auch bei seiner persönlichen Referentin, Michaela Fuhrmann, und dankte der Verwaltung des Zentralrats für die gelungene Organisation der Doppelveranstaltung. Einen persönlichen Dank richtete er an die persönliche Referentin des Generalsekretärs, Eva Drubig.
Das Problem des Rechtsextremismus beschäftigte auch nichtjüdische Gastreferenten des Jugendkongresses und der Ratstagung. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, warnte davor, es im Kampf gegen den Rechtsextremismus bei bloßen Lippenbekenntnissen zu belassen. Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Johannes Stockmeier, forderte eine flächendeckende Präsenz sozialer Organisationen, damit Rechtsradikalen keine Leerräume überlassen werden. Vor Teilnehmern der Ratsversammlung skizzierte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, die Entwicklung des Rechtsextremismus. Vor dem Hintergrund der erschütternden Mordserie an Besitzern von Imbissrestaurants betonte der Oberbürgermeister von Weimar, Stefan Wolf, die große Bedeutung, die dem in der thüringischen Stadt stattfindenden Jugendkongress und der Ratstagung zukomme.
wst