11. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2011 – 20. Kislew 5772

Das Wunder sind: WIR

Von Dieter Graumann

Chanukka ist eines der allerschönsten Feste, die wir Juden in unserem so reichen Kalender haben. Kerzen in der Winternacht, die Leuchter, am Fenster aufgestellt, wärmen unsere Herzen und lassen unsere Seelen heller leuchten. Die jüdische Familie rückt noch enger zusammen, und natürlich freuen sich die Kinder über das gemeinsame Lichtzünden, die schönen Lieder und die Geschenke. Traditionen werden großgeschrieben und Jahr für Jahr fröhlich wiederbelebt und herzlich wiedererlebt.
Wir spüren zu Channukka aber auch das Besondere und Außergewöhnliche, das allen unseren Festen innewohnt: Sie haben immer auch einen lebendigen, greifbaren und aktuellen Bezug zu uns heute, zu unserem Leben in unserer Zeit.
Dabei können sie uns Ratgeber, ja gar Wegweiser für unser Handeln und Tun sein. Vor allem geben sie uns Hoffnung und Zuversicht. Gerade Chanukka steht für das Licht im Dunkeln, wortwörtlich und symbolisch. Die Botschaft lautet: Wenn wir es wollen, wenn wir die Atmosphäre dafür schaffen und nicht nur unsere Augen, sondern gerade unsere Herzen dafür öffnen, werden auch Wunder zum Greifen nah. Nicht dass unsere Sorgen einfach verschwinden, im Licht des Chanukka-Wunders sehen sie aber vielleicht nicht mehr so bedrohlich aus.

Es sind fast zweiundzwanzig Jahrhunderte vergangen, seit die Makkabäer den durch Götzendienst entwürdigten Tempel zu Jerusalem wieder einweihen konnten. Das Gefäß mit Öl für die Menora, das für einen Tag hätte reichen sollen, hielt dabei ganze acht Tage vor. Dieser Krug Öl ist dabei auch ein Sinnbild von jüdischer Kraft. So wie das Chanukka-Licht gegen die Gesetze der Physik damals so lange brannte, so behaupten wir Juden uns schon so lange gegen die Gesetze der Zahlen und der Wahrscheinlichkeit, ganz alleine durch die Kraft von Glauben und Tradition.
Unser Wille, die jüdische Identität zu wahren, stellt in jeder Epoche die unabdingbare Voraussetzung für den Erhalt der jüdischen Gemeinschaft dar. Das galt für die Makkabäer, und es gilt auch für die Moderne. Ohne ein festes jüdisches Bewusstsein wäre der Staat Israel 1948 nicht ausgerufen worden. Leider müssen die Israelis, wie einst die Makkabäer, ihren Staat mit der Waffe in der Hand verteidigen. Seit der Staatsgründung sind über 20.000 Israelis im Kampf gefallen – eine traurige Parallele zwischen damals und heute.
In der Diaspora stellt sich die Frage des bewaffneten Kampfes heute Gott sei Dank nicht. Die allermeisten von uns leben in demokratischen Rechtsstaaten, in denen freie Religionsausübung ein in der Verfassung verankertes Recht ist. Gewiss: Es gibt auch Antisemitismus, religiösen Antijudaismus, der uns jegliche Legitimität abspricht, Faschismus und einen radikal antijüdischen Islamismus. Gegen diese Ausdrücke der Judenfeindschaft und dumpfer Ressentiments wehren wir uns und werden es weiterhin tun. Insgesamt aber sind die jüdischen Gemeinden in der Diaspora in ihrem Handeln frei. Freilich: Auch in Demokratien kann die jüdische Gemeinschaft langfristig nur überleben, wenn Juden ihr Judentum nicht nur wahren dürfen, sondern es auch aktiv ausleben.
Genau das tut die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik mit großem Engagement. Als Juden in Deutschland haben wir nach der Schoa zweimal einen Neuanfang gewagt und erfolgreich bewältigt: Einmal in den ersten Nachkriegsjahren, in denen sich schätzungsweise 30.000 Juden zum dauerhaften Verbleib in der Bundesrepublik entschlossen hatten, und nach 1989, als die jüdische Bevölkerung durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion eine Stärkung erfuhr, deren Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jetzt sind wir dabei, den Erfolg langfristig zu sichern. Unsere Gemeindemitglieder machen das Judentum selbstbewusst, wissbegierig und engagiert zu einem integralen Teil ihres Lebens – viele, nachdem sie in der ehemaligen Sowjetunion antireligiöser Unterdrückung ausgesetzt waren und ihr Judentum weder in religiöser noch in kultureller oder nationaler Form ausleben durften.
Hier und heute aber erlebt unsere jüdische Gemeinschaft eine wunderbare Blüte. Wir alle gestalten das Judentum in frischer und vielfältiger Art und Weise, gemeinsam für unsere Zukunft, und das nach Verfolgung und trotz unzähliger Katastrophen. Wenn wir also zu Chanukka singen: „Ein großes Wunder geschah dort", dann dürfen wir mit Recht und Freude auch gleichzeitig sagen: „Ein großes Wunder geschieht hier" - und wir alle sind heute selbst daran beteiligt.
Das Wunder unseres neu erblühten jüdisches Leben speist sich auch aus der Stärke, die uns die Chanukka-Geschichte jedes Mal aufs Neue vermittelt, aus dem Feuer des Lichtes, welches das ganze Jahr in unseren Herzen weiterleuchtet und aus dem warmen, herzlichen Gefühl von Zusammenhalt, das wir auch heute stärken wollen und in Zukunft bewahren werden.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein fröhliches Fest.
Chanukka Sameach!


Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland