11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

Rückkehrer

Unter den Nachfahren zwangsbekehrter Juden in Italien nimmt das Interesse am Judentum zu

Mit dem Begriff „Anusim“ (auf Hebräisch wörtlich: die Gezwungenen) werden Juden bezeichnet, die zur Aufgabe ihres Glaubens und der Annahme einer anderen Religion gezwungen wurden. Damit unterscheiden sie sich wesentlich von den „Meschumadim“ (Abtrünnigen), die ihren Glauben freiwillig gewechselt haben. Oft wurden in Familien von Anusim jüdische Traditionen heimlich noch über Generationen gepflegt. In einem Teil der Fälle wurde das Wissen um den jüdischen Ursprung bis in die heutige Zeit gepflegt. Die größte und bekannteste Gruppe der Zwangbekehrten waren spanische und portugiesische Juden, die im 14. und 15. Jahrhundert zur Annahme des Katholizismus gezwungen wurden. Allerdings gab es Anusim bereits in früheren Jahrhunderten und in anderen Ländern. So etwa sind Zwangsbekehrungen im Frankenreich im 6. Jahrhundert bekannt.
Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Juden von Süditalien vor die Wahl zwischen Tod und Taufe gestellt; in der Folge kam es zu einer Welle von Zwangsbekehrungen. Allerdings blieben die „Neofiti“, wie sie genannt wurden, lange Zeit eine faktisch separate soziale und religiöse, von der christlichen Umwelt mit Misstrauen beäugte Gruppe. Zur Zeit der Inquisition, so Schätzungen, hatten allein auf Sizilien mindestens 50.000 Juden gelebt. Wie viele Nachfahren der zwangsbekehrten italienischen Juden des späten Mittelalters heute ihre Wurzeln kennen oder zumindest vermuten, ist unbekannt. Indessen nimmt das Interesse an diesem Thema zu. Vor einigen Wochen fand im sizilianischen Syrakus ein Seminar für „Ebrei di Ritorno“ (Juden der Rückkehr) statt, an dem mehr als ein Dutzend Nachfahren von Zwangsbekehrten teilnahmen. Damit ist das Reservoir aber nur zu einem geringen Teil angezapft.
Ein einheitliches Muster für den Umgang mit jüdischer Abstammung gibt es unter den Nachfahren der Anusim nicht. Oft bleibt es bei dem Wunsch nach mehr Wissen, in anderen Fällen versuchen die Betroffenen - die keine Juden im Sinne der Halacha sind - einige jüdische Bräuche einzuhalten. Der konsequenteste Schritt ist der Gijur (Übertritt zum Judentum). Diesen Weg hat Salvatore Zurzolo aus Kalabrien eingeschlagen Seine geistige Reise begann vor Jahrzehnten, als ihm seine Großmutter auf dem Sterbebett das Familiengeheimnis der jüdischen Herkunft verriet. Zwanzig Jahre lang suchte der Enkel vergeblich nach einer Möglichkeit des Übertritts zum Glauben der fernen Ahnen. Im vergangenen Dezember war es dann soweit: Zurzolo schloss seinen Übertrittsprozess erfolgreich ab.
Maria La Cara aus Palermo nimmt nur an, dass sie jüdischer Herkunft ist. Einer der in ihrer Familie vorkommenden Nachnamen, Scimonetto sei für Anusim typisch. Zudem sei sie in der Kriche stets an dem Wort „Israel“ hängen geblieben. Warum – das weiß sie nicht. Jetzt hofft sie, mehr herausfinden zu können. Von ihrer Familie wird sie dabei unterstützt, doch gibt es auch umgekehrte Fälle. Ein weiterer Seminarteilnehmer für „Ebrei di Ritorno“, Carlo, sprach mit der Jüdischen Telegraphenagentur (JTA) nur unter der Bedingung, dass sein Nachname ungenannt bleibt: Seiner katholischen Familie ist die Identitätssuche nicht geheuer.
Die Annäherung ans Judentum wird den „Rückkehrern“ durch die jüdische Gemeinschaft erleichtert. In Syrakus gibt es neuerdings eine kleine jüdische Gemeinde, die den Suchenden Hilfe anbietet. Der Gemeinderabbiner, Stefano di Mauro, kennt die Materie aus eigener Anschauung. Der gebürtige Sizilianer trat im Alter von 30 Jahren selbst zum Judentum über, nachdem ihm sein Vater von der jüdischen Herkunft der Familie erzählt hatte.
Auch der italienische Verband der jüdischen Gemeinden, UCEI, ist hilfsbereit. Der Leiter des UCEI-Annäherungsprogramms, Rabbiner Gadi Piperno, war bei dem Syrakuser Seminar dabei. Auch die Oberrabbiner von Turin und Neapel, Rabbiner Eliyahu Birnbau und Rabbiner Shalom Bahbout, nahmen teil. Weitere Aktivitäten sind geplant. Seinerseits will Rabbiner di Mauro in Syrakus einen ständigen Bet Din (Rabbinatsgericht) für Süditalien einrichten, der Übertrittswillige zügiger betreuen soll, als es bisher möglich ist.
JTA/zu