11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

Strahlende Zukunft

Was ein atomarer Iran für die Welt bedeuten kann

Im November 2011 hat die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in ihrem neuen Iran-Bericht amtlich bestätigt, was jeder halbwegs aufmerksame Zeitungsleser seit geraumer Zeit weiß: Das Mullah-Regime strebt nicht nur nachweislich nach Atomwaffen, sondern verfügt auch über alle technologischen Voraussetzungen und Ausgangsstoffe, um Atomwaffen zu bauen. Nach Berechnungen unabhängiger Experten kann Teheran 2012 eine oder zwei einsatzfähige Kernwaffen besitzen. An militärisches Eingreifen oder vernichtende Sanktionen des Westens glaubt kaum noch ein Beobachter. In Israel wird in den letzten Wochen über einen Angriff auf iranische Anlagen spekuliert, doch gehen die meisten Kommentatoren davon aus, dass Israel allein nicht imstande wäre, das iranische Programm in nennenswertem Maße aufzuhalten.
Wenn diese Einschätzung zutrifft, muss sich die Welt auf einen atomar bewaffneten Iran einstellen. Das Land, das die Vorbereitungen auf die iranische Bedrohung am weitesten vorangebracht hat, ist natürgemäß Israel: Dort nimmt man die Teheraner Ankündigungen, das „zionistische Regime“ vernichten zu wollen, nicht auf die leichte Schulter. Dabei verlässt sich Jerusalem nicht nur auf die die Abschreckung durch das vom Ausland in Israel vermutete nukleare Arsenal ausgeht. Vielmehr setzt Israel auch die Arbeit an einer Raketenabwehr fort, die die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Einschlags auf israelischem Boden zumindest senkt. Beim Schutz des zivilen Hinterlandes hat Israel in den letzten Jahren ebenfalls Fortschritte gemacht und beispielsweise zahlreiche Übungen für den Fall eines Angriffs mit chemischen Massenvernichtungswaffen oder eines Erdbebens durchgeführt. Die dabei gewonnen Erfahrungen lassen sich schnell auf den Fall eines Nuklearangriffs übertragen. Dank der Kombination aus Abschreckung, Raketenabwehr und Zivilschutz wäre Israel der iranischen Bedrohung zumindest nicht wehrlos ausgesetzt, doch bliebe die Bedrohung des jüdischen Staates durch iranische Kernwaffen unkalkulierbar. Zudem müsste Israel seine Strategie laufend an Fortschritte des iranischen Waffenprogramms anpassen.
Ein atomarer Iran wäre aber auch für Saudi-Arabien, nach dessen Öl die Mullahs schielen, eine strategische Gefahr. Deshalb ist die im Sommer dieses Jahres publik gemachte saudiarabische Drohung, sich in diesem Fall ebenfalls einen atomaren Schutzschild zuzulegen, ernst zu nehmen. Nach Einschätzung des israelischen Kernwaffenexperten Ephraim Asculai, können sich die Saudis Chancen auf ein nukleares Schutzbündnis mit Pakistan wenn nicht sogar auf Teilhabe an pakistanischen Atomwaffen ausrechnen. In der Folge dürften auch Ägypten und die Türkei eine atomare Bewaffnung erwägen.
Eine große Unbekannte wäre die Reaktion des Westens. Man darf annehmen, dass die USA und Europa die Entwicklung von Raketenabehrwaffen beschleunigen würden. Ob sie aber einen iranischen Griff nach der Vorherrschaft im Persischen Golf und weiten Teilen des Nahen Ostens abblocken könnten, erscheint angesichts ihrer bisherigen Untätigkeit bestenfalls zweifelhaft. Die Folgen für das globale Machtgefüge könnten tiefgreifender sein, als die westliche Politik es sich gegenwärtig eingestehen will.
wst