11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

Vorrang für Ehrlichkeit

Jüdische Wirtschaftsethik bleibt auch im 21. Jahrhundert aktuell

In den letzten Jahren beherrschen Wirtschaftsthemen in hohem Maße die Medienberichterstattung und die öffentliche Debatte. Die Finanzkrise in den USA, die die Weltwirtschaft 2009 in eine Krise stürzte, und das heute so bedrohliche Euro-Debakel bestimmen die öffentliche Debatte. Dabei fehlen auch fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen nicht. Die Griechen sind „faul“, die Migranten „ausbeuterisch“ und die Juden, so die mehr oder minder deutliche Botschaft, trügen einen maßgeblichen Teil der Schuld an der globalen Misere. Oft ist der Hinweis auf die prominente Rolle von Juden vor allem im amerikanischen Wirtschaftsleben zu finden. Dass der berüchtigte New Yorker Finanzbetrüger Bernhard Madoff Jude ist, wird ebenfalls immer wieder erwähnt.
Nun kann man Antisemiten kaum eines Besseren belehren. Indessen sieht die Wirklichkeit anders aus: Auch im 21. Jahrhundert kann die Wirtschaft viel vom Judentum lernen. Nach jüdischer Auffassung ist geschäftliche Betätigung nichts Verwerfliches, sondern ein integraler Teil des Lebens. Gleichzeitig aber weiß das Judentum um die Begehrlichkeiten, die Geld im Menschen wecken kann. Diese Begehrlichkeiten gilt es durch strenge ethische Normen zu zügeln.
Von den 613 Geboten und Verboten der Tora handeln rund 120 von Fragen des Vermögens, des Geldes und der Wirtschaft. Interessanterweise wird bereits in der Tora ein Ausgleich zwischen Rechten und Pflichten getroffen, die sich aus dem Eigentum ergeben. Auf der einen Seite wird Eigentum geschützt. Dazu heißt es bereits im Dekalog: „Du sollst nicht stehlen“. Auf der anderen Seite werden das Abernten der Ecken eines Feldes oder die Nachlese verboten. Die so verbleibenden Feldfrüchte werden den Armen und dem Fremden überlassen. Der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ wurde – neben dem Schutz des Eigentums - übrigens auch von den Verfassern des deutschen Grundgesetzes übernommen.
„Choschen Hamischpat“ einer der Abschnitte des im 16. Jahrhundert verfassten Rechtskodex „Schulchan Aruch“, befasst sich ausführlich mit Fragen des Wirtschaftsrechts einschließlich Vertragserfüllung, Arbeitsverhältnis, Schadensersatz und vielen anderen. Dabei werden auch so „moderne“ Themen wie Gewinnspannen und Preiskontrollen – an lebensnotwendigen Waren sollte man sich beispielsweise nicht bereichern - oder Mängelrügen behandelt. Eine geordnete halachische Kodifizierung des Wirtschaftslebens des 21. Jahrhunderts gibt zwar es nicht. Dennoch befassen sich Rabbiner auch heute mit Fragen des Geschäftslebens und leiten ihre Entscheidungen der bestehenden jüdischen Rechtslehre ab.
Grundsätzlich gilt, dass jegliche Geschäftsaktivität redlich abgewickelt werden muss. Nach jüdischer Überlieferung wird Gott am Tag des Gerichts jeden Menschen fragen „Nassata we-Natata be-Emuna?“ – Hast du im Einklang mit dem Glauben verhandelt? Gemeint ist die Forderung, dass der Mensch sein Tun, auch auf dem Wirtschaftsgebiet, nach den Grundsätzen der Moral ausrichtet. Es genügt nicht, wie Nachmanides ermahnte, die Gebote der Tora nur formal zu befolgen. Vielmehr, so der Gelehrte, gelte der Grundsatz „Kedoschim tihiju“ – ihr sollt heilig sein -, dem zufolge nicht nur der Buchstabe, sondern auch der Geist der Tora befolgt werden muss.
So wird die Anpassung der alten Gebote und Verbote der jüdischen Wirtschaftsethik an die Moderne erleichtert. So etwa haften selbsternannte „Berater“, die Kunden zu verlustreichen Investitionen verführen, nach jüdischer Rechtsvorstellung in höherem Maße als wirkliche Experten, denen in gutem Glauben ein Irrtum unterlaufen ist. Auch zu Schuldenkrisen hätten unsere Weisen einiges zu sagen. So postuliert das Judentum, dass Schulden nur im äußersten Fall durch einen Bankrott abgeschrieben werden dürfen. In jedem Fall muss der Bankrotteur sein Vermögen einsetzen, um so viele Verbindlichkeiten wie möglich zu begleichen, bevor er sich in den Schuldenerlass begibt.
Selbst in Fragen der Finanzaufsicht kann man von den alten Rabbinern lernen. Die Schriftgelehrten wussten genau, dass Menschen, durch deren Hände Geld fließt, in Versuchung zu geraten drohen. Daher wurde bestimmt, dass Verwalter öffentlicher Wohltätigkeitsfonds ihre Aufgaben nicht allein, sondern in Paaren abzuwickeln hatten. Damit wurde die Gefahr betrügerischer Manipulationen, aber auch abenteuerlicher Alleingänge auf Kosten der Öffentlichkeit zumindest eingedämmt. Auch das Haushaltsrecht wird – in damals angemessener Form – in der jüdischen Rechtslehre berücksichtigt. So etwa darf der König Steuern und Abgaben nur zur Finanzierung der als nötig anerkannten Staatsaufgaben erheben.
All das bedeutet nicht, dass die Rabbiner den Posten des Finanz-, des Wirtschafts- oder des Justizministers beziehungsweise des Bundesbankpräsidenten beanspruchen. In Sachen, die säkulares Fachwissen verlangen, verlassen sich die Schriftgelehrten auf Experten. Auch kann und soll die Halacha keine moderne Gesetzgebung ersetzen. Im Gegenteil: Juden sind gehalten, sich an die Gesetze ihrer jeweiligen Länder zu halten.
Rechtsverbindlichkeit und Rechtschaffenheit schaffen die Grundlagen für eine faire ökonomische Entwicklung Es war es kein Zufall, dass Juden bereits im ersten Jahrtausend nach der Zeitenwende zu den Pionieren des internationalen Handels gehörten. Voraussetzung dafür war, dass sich jüdische Geschäftspartner, die in verschiedenen Ländern, wenn nicht gar auf verschiedenen Kontinenten lebten, einer einheitlichen Werteordnung unterwarfen und Rabbiner Streitfälle schlichten konnten. Insofern stellte jüdische Ethik eine bahnbrechende Einflussgröße bei der Entstehung moderner Wirtschaft dar.
wst