11. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2011 – 28. Heshvan 5772

Brücken bauen

Die jüdische Gemeinde in Bonn sieht sich einer Fülle von Aufgaben gegenüber

Von Heinz-Peter Katlewski

In der zweiten Etage der Bonner Synagoge geht es lebhaft zu. Wie an jedem Montagnachmittag haben sich hier etwa zwanzig Kinder und Jugendliche aus der Synagogengemeinde Bonn zum Unterricht versammelt. Das Wissen wird altersgerecht vermittelt. So etwa mögen die Kleinen vor Rosch Haschana Äpfel mit Honig zeichnen und den Namen des nahenden Festes mit hebräischen Buchstaben malen. Die Größeren vertiefen sich in weiterführende Materialien. Zwischendurch wird ein Lied gesungen, es wird gelehrt, gefragt und erklärt.
Sechs Mütter sitzen in einer Sofaecke vor dem Unterrichtsraum und warten auf das Ende der Religionsstunde. Eine Israelin in der Runde betont, der Synagogen-Unterricht sei unerlässlich, damit ihre Tochter mit jüdischer Tradition aufwachse. „Früher hat mir die Kleine immer gesagt, Religion ist etwas für ältere Leute.“ Aber hier, durch die Begegnung mit anderen Kindern, sei sie eine eifrige Schülerin. „Für eine Gemeinde unserer Größe und Zusammensetzung haben wir in Bonn relativ viele Kinder“, finden die jungen Frauen.
Der Religionsunterricht für den Nachwuchs findet auf Deutsch statt. Ansonsten aber stammt die Mehrheit der Gemeindemitglieder, die heute in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn leben, aus der ehemaligen Sowjetunion und ist eher im Russischen verwurzelt, erklärt Gemeindesekretär Peter Pöll. Rund die Hälfte der zugewanderten Mitglieder ist heute bereits im Rentenalter.
Auf die kulturellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder stellt sich die Gemeinde denn auch ein. Etwa in der Gemeindebibliothek, nur wenige Meter weiter, in einem Anbau der Synagoge, gelegen. Hier wird schon am Vormittag gearbeitet. Die Leiterin der Gemeindebibliothek, Natalia Schleifer und einige Mitstreiter arbeiten systematisch Kisten mit neuen Büchern durch. Einzelne nehmen sie in die Hand, markieren und registrieren sie und stellen sie in die Regale. Mit 15.000 bis 20.000 Titeln hat die Sammlung jetzt schon eine überaus ansehnliche Größe erreicht – und sie wächst weiter. In den verwinkelten Kellerräumen ist vorwiegend russischsprachige Literatur zu finden: Sachbücher, Romane, wissenschaftliche Publikationen, Lyrik und natürlich Judaica. Früher setzte sich der Bestand hauptsächlich aus deutschen und hebräischen Werken zusammen, die bequem in einem einzigen Raum passten. Allerdings hielt sich das Interesse des real existierenden Lesepublikums an diesen Büchern in überschaubaren Grenzten. So ist es nur konsequent, dass neue Sammlung den Interessen der heutigen Mitglieder von heute entspricht. Der meisten jedenfalls.
Die „Zugezogenen“ haben aber nicht nur Kultur, sondern auch Kultus belebt. Margaret Traub, die Gemeindevorsitzende, erinnert sich noch an frühere Zeiten. Als es sie vor bald 35 Jahren der Liebe wegen aus dem pulsierenden Paris ins beschauliche Bonn trieb, war sie erschrocken, wie verchlafen ihr die Synagogengemeinde damals erschien. Die 180 Mitglieder, die offiziell in der Kartei geführt wurden, waren zumeist schon recht alt und schafften es nur mit Mühe, am Schabbat einen Minjan zu versammeln. Heute ist das anders. Die neuen Mitglieder aus Russland, der Ukraine, Belarus, Moldawien oder Kasachstan machen es möglich. Am Samstag früh kommen zwischen 30 und 50 Beterinnen und Beter zusammen. Während der Woche ist das Haus mit Gruppen gefüllt, die israelische Tänze vermitteln, Chorproben abhalten, Klavier spielen oder sich als Erfinderclub treffen. Es ist Leben in der Synagoge, jüdisches Leben.
So gilt es nach dem Motto „Das eine tun, das andere nicht lassen“ einen möglichst ausgewogenen Ausgleich zwischen den Generationen zu finden. Junge Gemeindemitglieder - und natürlich auch Eltern – wünschen sich weitere jüdische Gemeinschaftserlebnisse. Die Mütter, die nun in der Sitzecke warten, wissen, dass Großprojekte, wie sie in Großgemeinden möglich sind – Kindergärten, Grundschulen und Jugendzentren – am Standort Bonn nicht realisierbar sind. Allerdings wird es nun es immerhin einmal im Monat einen Kabbalat- Schabbat-Gottesdienst am späten Freitagnachmittag geben, der sich ausdrücklich an die Kinder wendet. Natürlich kommt der jüngeren Generation auch eine weitere Funktion zu: Kinder, Jugendliche und junge Eltern, die in beiden Sprachen zu Hause sind, können auch eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Sprachkreisen schlagen, die heute in Bonn beheimatet sind.